Loretta Fahrenholz - Subkulturelles Nachspiel

Loretta Fahrenholz · Implosion, 2011, Video still, Video 30', Courtesy Reena Spaulings Fine Art, NY

Loretta Fahrenholz · Implosion, 2011, Video still, Video 30', Courtesy Reena Spaulings Fine Art, NY

Loretta Fahrenholz · Erlebnishof Millers, Anschirren, 2015, Digitaldruck auf Clearfilm, 299x470 cm

Loretta Fahrenholz · Erlebnishof Millers, Anschirren, 2015, Digitaldruck auf Clearfilm, 299x470 cm

Besprechung

Die in der Kunsthalle Zürich gezeigten Filme und Prints von ­Loretta Fahrenholz sind Nahaufnahmen subkultureller Milieus. Mit teilnehmender Beobachtung sucht die Künstlerin die Nähe zu den Akteuren und macht sie in gemeinsamen Projekten zu Protagonisten fiktiver Narrationen.

Loretta Fahrenholz - Subkulturelles Nachspiel

Irgendwo zwischen Berlin und New York und auf halbem Weg zwischen Film und Kunst begibt sich Loretta Fahrenholz (*1981, Starnberg) in der Manier einer Ethnologin in subkulturelle Soziotope und macht diese zur Bühne ihrer Inszenierungen. Die Scripts für ihre «performativen Documentaries» entwickelt die Künstlerin und Filmemacherin oft gemeinsam mit den Protagonist/innen. Dabei referenziert sie ganz unterschiedliche Filmgenres. Der grossformatig gezeigte Film ‹Ditch Plains›, 2013, entstand in Zusammenarbeit mit den Streetdancern der New Yorker Ringmaster Crew. Die Szenen wurden nach den Verwüstungen des Wirbelsturms Sandy im Stadtteil Brooklyn gedreht, Motive aus Tanz- und Katastrophenfilmen sind integriert. ‹Implosion›, 2011, ein weiterer Film, beruht auf dem Re-Enactment eines Theaterstücks von Kathy Acker aus den Achtzigern. Während die exzentrische Autorin Motive der Französischen Revolution durch Punks, Drogensüchtige und Prostituierte darstellen liess, arbeitet Fahrenholz im Dunstkreis der New Yorker Occupy-Bewegung mit blutjungen homosexuellen Laiendarstellern, die wenig revolutionär, eher seltsam entfremdet und gelangweilt auftreten - irgendwo zwischen Reality-Show und Pornofilm.
Der Trailer zum Experimentalfilm ‹My Throat, My Air›, 2013, der einen vom Künstlerkollegen Hans-Christian Lotz editierten Prolog zur Ausstellung liefert, folgt dem Wachtraum eines Kinderspiels in der Familie des ehemaligen Fassbinder-Schauspielers und Warhol-Wegbegleiters Ulli Lommel - keineswegs avantgardistisch, sondern als Milieubild eines trashigen Patchwork-Haushalts im Münchner Westend. Auch mit dem Robert Altmann entliehenen Titel der Schau ‹3 Frauen› stellt sich Fahrenholz in die Tradition des sozialkritischen Dokumentarfilms. Die Dialoge sind authentisch, die Schauplätze original, und doch bleibt alles betont artifiziell. Die Filme werden flankiert von grossformatigen Prints, für die ein Biobauernhof oder eine Autolackierfabrik mit 3D-Raumscanner abgetastet und als Punktwolke auf Folie gedruckt wurden. Fahrenholz erweitert so filmische und fotografische Möglichkeiten der Realitätserfassung. Die Resultate allerdings sind kaum wahrnehmbare, skizzenhafte Strukturen, die Versprechen der Hightech-Industrie, die Welt in 3D zu erfassen, bleiben unerfüllt. Fahrenholz' Milieustudien zwischen dokumentarischer Fiktion und synthetischer Realität spiegeln sowohl die Desillusionierung vergangener Utopien als auch die Krisen heutiger Gegenkulturen.

Bis 
07.11.2015

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