Open End - Das Leben im Rückspiegel

Sylvie Fleury · Eternity Now, 2016, Koproduktion DART-LOM, Ausstellungsansicht Cimetière des Rois, 2016. Foto: Diego Sanchez

Sylvie Fleury · Eternity Now, 2016, Koproduktion DART-LOM, Ausstellungsansicht Cimetière des Rois, 2016. Foto: Diego Sanchez

Fabrice Gygi · Sans titre, 2015, Sammlung FMAC, Ausstellungsansicht Cimetière des Rois 2016. Foto: Simon Lamunière

Fabrice Gygi · Sans titre, 2015, Sammlung FMAC, Ausstellungsansicht Cimetière des Rois 2016. Foto: Simon Lamunière

Besprechung

Das Gedächtnis ist seit Bergson und Proust, Warburg und ­Musil zu einer der grossen Achsen der künstlerischen Produktion geworden. Zugleich entschwanden Poesie und Plastik aus dem Grabkontext. Jetzt aber begegnen 16 Kunstschaffende im Genfer Cimetière des Rois dem Tod und den Toten wieder.

Open End - Das Leben im Rückspiegel

Die Aufgabe des Bildhauers Vincent Du Bois, der jedes Jahr über die Erhaltung oder Abräumung von Grabanlagen zu entscheiden hat, ist zu einer bestürzenden Angelegenheit geworden. In unserer hoch kapitalistischen und individualistischen Gesellschaft wird je länger, je weniger in sepulkrale Kunst investiert. Die Friedhöfe sterben! Vincent Du Bois gründete deshalb den Verein DART mit der Idee, diese eleusinischen Orte durch Kunstschaffende wach zu küssen, und er vertraute das erste Projekt Simon Lamunière an. Der frühere Kurator der Art Unlimited Basel wird in Genf vor allem für seine subtilen Eingriffe in den öffentlichen Raum geschätzt, etwa die zehn auf den ersten Blick an Werbesignete erinnernden Neoninstallationen auf den Gebäuden rund um den Pleinpalais.
Ähnlich funktionieren nun die Werke der Kunstschaffenden, die er für den historischen Cimetière des Rois mit Grabanlagen von Calvin bis Borges gewinnen konnte. Mit dem vergoldeten Kanu von Alexandre Joly und der skelettierten Jurte von Robert Nortik sind allerdings zwei an uralte Jenseitsvorstellungen anknüpfende Objekte in die Baumkronen geraten. Harmonisch fügt sich hingegen Katja Schenkers Betonnougatabschnitt, der die in Kunstwerken abgelagerten Lebenserfahrungen und Schaffensprozesse thematisiert, zwischen die Wandepitaphe an der Umfassungsmauer ein. Ebenso würden auch Christian Gonzenbachs Umkehrung der Pietà und Du Bois' Auflösung der Hand Gottes in Pixel gut auf die monumentalen Kenotaphe passen.
Die meisten Arbeiten knüpfen jedoch an gewöhnliche Grabanlagen an, so Silvie Fleurys Autorückspiegel, in den sie ‹Eternity Now› graviert hat. Spätestens da beginnt man über die Entleerung traditioneller Konzepte der Transzendenz und deren Überführung in die Konsumwelt nachzudenken. Bestürzend direkt sprechen uns ­Gianni Motti und Fabrice Gygi an und zeigen: Nicht erst die Toten werden abgeschrieben, sondern auch schicksalsgeprüfte Menschen - meist schon zu Lebzeiten. Auf Mottis banaler Granitgrabstele steht lakonisch «Je vous avais dit que je n'allais pas très bien». Gygis auserlesen in Marmor geschlagene Liegefigur wirkt dagegen wie dem letzten Gedicht des italienischen Poeten Salvatore Quasimodo entsprungen: «Mir ist so, als wär ich ein Emigrant, / der eingeschlossen in seine Decken / ruhig am Boden wacht. Vielleicht / sterbe ich immer. / Doch lausche ich gerne den Worten des Lebens, die ich / nie hörte, und verweile in langen / Vermutungen.»

Bis 
30.11.2016
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