Agnes Meyer-Brandis - Poetische Welt-Raum-Forschung

Lunar Migration Bird Facility, seit 2008, Moon Goose Colony, Mobile Moon, Astronaut Training Method No. V,
Videostill, 2011 © ProLitteris

Wolkenkerne, 2017, Ausstellungsansicht Mondgänse und Wanderbäume im HeK Basel (unten) © ProLitteris. Foto unten: Franz Wamhof

Fokus

Wohin das Auge sonst nicht reicht: Agnes Meyer-Brandis entwickelt auf ihrem Forschungsfloss Werkzeuge, die es ihr und uns gestatten, in bis dato unbekannte, weil unseren Blicken weitgehend verborgene Gefilde vorzudringen. Mit poetischer Präzi­sion führt sie den wissenschaftlichen Beweis, dass das Wunder­bare stets ein Teil der Realität ist. Und unser Staunen darüber so mache Erkenntnis bereithält.

Agnes Meyer-Brandis - Poetische Welt-Raum-Forschung

Wohin das Auge sonst nicht reicht: Agnes Meyer-Brandis entwickelt auf ihrem Forschungsfloss Werkzeuge, die es ihr und uns gestatten, in bis dato unbekannte, weil unseren Blicken weitgehend verborgene Gefilde vorzudringen. Mit poetischer Präzi­sion führt sie den wissenschaftlichen Beweis, dass das Wunder­bare stets ein Teil der Realität ist. Und unser Staunen darüber so mache Erkenntnis bereithält. Verena Kuni
«It's always teatime» - nicht nur beim Hutmacher von Alice im Wunderland. Mitten im Wald ist der Tisch gedeckt, darauf heben und senken sich die Tassen. Nicht wie von Geisterhand, sondern dank kleiner, beweglicher Stelen, die von einem Computersystem gesteuert werden. Installiert sind sie auf Tischen, die unter Bäumen stehen - und was auch immer in der Luft ist oder von oben herabfällt, ob Niederschlag, Nadeln oder andere Partikel, die ein Windhauch in die Tasse trägt, wird ganz von selbst Teil der Teezeremonie. Tatsächlich handelt es sich hier aber nicht nur um ein poetisches Bild, sondern auch um eine Forschungsstation, die gleichsam auf Mikroebene Klimaprozesse untersucht und sichtbar macht: Ganz ähnlich wie grosse Wetterstationen sind die kleinen Tassen mit allerlei Sensoren ausgestattet, die kontinuierlich Daten sammeln; diese wiederum steuern nicht nur die Bewegungen der Tassen, sondern sorgen auch für die Erwärmung des Wassers. Sobald es so heiss ist, dass über den Tassen Dampf aufsteigen kann, wird dieser mit farbigem Licht sichtbar gemacht. Wer auf eine der ‹Tealemetree›-Stationen stösst, kann sich zudem mit dem Smartphone im System einloggen, um die Datenströme näher zu betrachten - oder sie sich mittels eines Tässchens Tee ganz sinnlich zu Gemüte führen. Mittlerweile muss man dafür nicht in die finnischen Wälder bei Hyytiälä reisen, wo Agnes Meyer-Brandis 2014 im Rahmen eines Aufenthalts in der SMEAR (Station for Measuring Ecosystem-Atmosphere Relations) die Prototypen ihrer ‹Teacup Tools› entwickelt und fest installiert hat. Anlässlich von Ausstellungen lädt die Künstlerin seither regelmässig dazu ein, temporär errichtete Stationen des ‹Global Teacup Network› - wie etwa im Winter 2015 in Bern oder aktuell in Basel - zu besuchen.

Über den Wolken, unter der Erde
Für das, was in der Luft liegt, und speziell für die als Aerosole bezeichneten, flüchtigen und stets in Transformation befindlichen Gemische aus Gasen und winzigen Schwebeteilchen interessiert sich Meyer-Brandis schon seit Längerem. 2007 hatte sie die einmalige Gelegenheit, sie im Zuge eines Parabelflugexperiments unter den Konditionen der Schwerelosigkeit zu erforschen. Mit ihrem eigens hierfür entwickelten ‹Cloud Core Scanner› (CCS), in dessen transparenter Sphäre die winzigen, mittels kleiner Filter extrahierten und dank der Schwerelosigkeit ebenfalls kugelförmigen Tröpfchen schwebten, schaute sie gleichsam direkt in die Wolkenkerne, ein angeschlossenes Kamera-Modul nahm Bilder auf. Um ihrem Publikum auf der anschlies­senden Vortrags-Performance-Tour neben der abstrakten Schönheit dieser Mikrowelten auch noch ebenjenen handfesteren Zauber bieten zu können, den viele nach wie vor von Kunst erwarten, hatte sie zudem eine Filmbox im Gepäck, die mittels klassischer Sandwich-Technik beispielsweise das Modell einer Burg in den Tropfen setzte: Wie Sie sehen, meine Damen und Herren - mit ein wenig gutem Willen können Luftschlösser Wirklichkeit werden! Und um die gesamte Wolkenkern-­Forschung wortwörtlich auf die Füsse zu stellen, also sogar auf der Erde zu ermöglichen, entstand obendrein 2010 ein ganzes ‹Troposphären-Labor›, in dem man die Bildwerdung der Wolkenkerne direkt miterleben darf. Auch die Filmbox ist dabei wieder mit von der Partie und sorgt mit ihren Dias dafür, dass das Labor zugleich als Laterna-­Magica-Schau funktioniert.
Die Kombination von neuester Technologie, wie sie dem Stand der Wissenschaft entspricht, mit längst der Geschichte zugeschlagenen, historischen und medienarchäologischen Verfahren sowie kreativ im Eigenbau entwickelten Gerätschaften, deren Bestandteile oftmals direkt aus dem heimischen Haushalt entwendet scheinen, ist seit je schon charakteristisch für die Arbeiten von Meyer-Brandis. Ebenso wie die Präzision, mit der die Experimentalanordnungen erdacht und umgesetzt werden. Um reine Simulation geht es dabei nämlich nicht: Das Ganze muss auch funktionieren.
Dieses Grundprinzip lässt bereits eines der ersten Projekte erkennen, mit dem ­Agnes Meyer-Brandis breitere Bekanntheit erlangte: dem 2003 entwickelten ‹Bohrkern-Labor› mit ‹Elfen-Scan›. Schon zuvor hatte sich die Künstlerin, die vor ihrem Studium an den Kunstakademien in Maastricht und Düsseldorf sowie der KHM Köln zunächst Mineralogie studierte, intensiver mit der Erforschung unterirdischer Lebensräume beschäftigt und hierfür ein eigenes Instrumentarium konstruiert. Als Prototyp für ­ihren ‹Korallenriff-Detektor›, 2002, mit dem sich unter Wiesen oder mitunter auch dem Strassenpflaster gelegene, von exotischen Fischen bevölkerte Biotope akustisch und visuell erkunden lassen, nutzt sie als Radarschirm ein handelsübliches Küchensieb; für die an den Bohrkernen angesetzten Elfen-Scanner kamen kleine Trichter zum Einsatz, wie sie ganz ähnlich später auch im CCS zur Dingfestmachung der Wolkenkerne dienten. Umso erstaunlicher, dass uns derart schlichte Instrumente ganze Welten erschliessen können - wie eben dann, wenn sich schnöde Bohrkerne als von Scharen putzmunterer Elfen bevölkert erweisen.

Die helle Seite des Mondes
Nun: Kaum von ungefähr lässt sich Meyer-Brandis nicht nur gern von lokalen ­Legenden inspirieren, in denen bekanntlich immer ein Stückchen Wahrheit steckt. Sondern auch von der Wissenschaftsgeschichte selbst, die lehrt, dass so manche phantastisch anmutende Science Fiction früher oder später ganz alltägliche Wirklichkeit wird - und die zudem auch reich an Gedanken ist, die aus heutiger Perspektive durchaus skurril erscheinen können, aber gleichwohl auf überraschende, interessante Pfade führen.
So hinterliess der anglikanische Bischof und Theologe Francis Godwin (1562-1633) eine Geschichte, die als eine der ersten Spekulationen über Gravitation und Schwerelosigkeit vor Newton gilt. Der Ich-Erzähler beschreibt darin, wie er mit Hilfe von Gänsen, die in eine Segelkonstruktion eingespannt werden, die Schwerkraft überwindet, um zum Mond zu fliegen. In ihrem 2008 begonnenen ‹Moon Goose Experiment› und mit ihrer 2011 gegründeten ‹Moon Goose Colony› hat sich Agnes ­Meyer-Brandis auf ihre Weise auf Godwins Spuren gemacht. An einem geheimen Ort in Italien wurde eine Forschungsstation errichtet, auf der eine ganze Schar gefiederter Kosmonautinnen und Kosmonauten eigens gebrütet und von der Künstlerin selbst ausgebildet wurde - schon die Gössel lernten, sich am Mondlicht zu orientieren, indem Meyer-Brandis beim gemeinsamen Nachtspaziergang eine kugelförmige Laterne trug. Im Anschluss an die Grundausbildung machten sich die Gänse mit der Forschungsstation vertraut, zu der neben einer Mondlandschaft auch ein komplettes Space-Control-Panel gehört.
Anders als bei Godwin sind die Gänse nämlich nicht dafür zuständig, Menschen zum Mond zu transportieren. Vielmehr navigieren sie eine Fernübertragung in Ausstellungsräume, in denen Meyer-Brandis ein Modell der Station aufgebaut hat. Hier sitzen Menschen, die sich von den Mondgänsen gleichsam direkt bei ihren Raumfahrtfantasien abholen lassen, indem sie mit ihnen Kontakt aufzunehmen versuchen - nur um am Ende zu erkennen, dass sie vor allem eines erforschen: die eigenen Sehnsüchte, ob sie nun einer gelungenen Mensch-Tier-Kommunikation gelten oder dem Mond.
Es sind also auch durchaus weltliche und lebenspraktisch anwendbare Erkenntnisse, die sich auf Agnes Meyer-Brandis' poetischen Expeditionen mit dem Forschungsfloss gewinnen lassen. Allen voran jene, dass es sich lohnt, neugierig zu bleiben und genauer hinzusehen - wer glaubt, schon alles zu kennen und zu wissen, kann keine Entdeckungen machen und auch nichts lernen von der Welt.

Auf Wanderschaft
An diesem Punkt setzt eines ihrer jüngsten Projekte an, das ‹Office for Tree Migration› (OTM). Bäume, sofern sie nicht in von Hobbits und Elfen bevölkerten Welten unterwegs sind, gelten gemeinhin als eher sesshaft - mindestens nahm man bis dato an, dass sie bleiben, wo sie einmal Wurzeln geschlagen haben. Allerdings hat die Klimaerwärmung längst dazu geführt, dass viele Lebewesen, so auch Pflanzen, ihre angestammten Lebensräume verlassen. Zumal sich dieser Wanderungsprozess bei Bäumen nur sehr langsam und angesichts der Beschleunigung des Klimawandels vielleicht zu langsam vollzieht, liegt es durchaus nahe, hier über Unterstützung der Betroffenen nachzudenken. Tatsächlich sind Meyer-Brandis' OTM-Cam-Aufnahmen gelungen, die - selbst nach Abzug des Zeitraffereffekts - belegen, dass sich so mancher Baum inzwischen recht zügig bewegt. Indes: Diese Bewegungen und ihre Gründe allzu lange übersehen zu haben, entbindet uns ganz sicher nicht von der Verantwortung. Wir sollten es also nicht beim Staunen belassen. Auch dazu ermutigt uns hier die Kunst.
Verena Kuni, Professorin für Visuelle Kultur an der Goethe-Universität Frankfurt/M und langjährige Autorin für Kunstbulletin. verena@kuni.org
 

Bis 
12.11.2017

Publikation: Agnes Meyer-Brandis. Out of Subsurdum. Köln: Verlag der Kunsthochschule für Medien, 2015

Ausstellungen Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Agnes Meyer-Brandis 07.09.201721.11.2017 Ausstellung Basel/Münchenstein
Schweiz
CH
Künster/innen
Agnes Meyer-Brandis
Autor/innen
Verena Kuni

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