Das digitale Unbehagen - Die Grenzen der Freiheit im Netz

Angela Washko · The Council on Gender Sensitivity and Behavioral Awareness in World of Warcraft, seit 2012

Angela Washko · The Council on Gender Sensitivity and Behavioral Awareness in World of Warcraft, seit 2012

Cao Fei · RMB City, A Second Life City Planning, 2007-2011, Video, 6', Courtesy Vitamin Creative Space

Cao Fei · RMB City, A Second Life City Planning, 2007-2011, Video, 6', Courtesy Vitamin Creative Space

Besprechung

Im World Wide Web gelten wir täglich «freie» Dienste globaler Konzerne mit Daten und Aufmerksamkeit ab. Suchresultate sind personalisiert, Identität und Freundschaft verkommen zur Ware. Im Kunsthaus Langenthal suchen über dreissig Kunstschaffende Wege, die ‹Raus aus dem digitalen Unbehagen› führen.

Das digitale Unbehagen - Die Grenzen der Freiheit im Netz

‹We Lost› lautete 2015 der Titel des letzten Statements des interna­tionalen Kollektivs F.A.T. Lab, Free Art and Technology Lab (†2015). Nach jahrelangen Versuchen, Grundrechte im Internet zu etablieren, hatte es sich resigniert aufgelöst. In der Ausstellung ist dies gleichsam als Endpunkt der Vision des Netzes als Ort von Freiheit und Open-Source präsent. Kurator Raffael Dörig skizziert im Ausstellungskatalog den alternativen Ansatz, von der individuellen Wahrnehmung auszugehen - wodurch eine vielfältige Schau mit einer erstaunlichen Breite an Medien entstanden ist. Konkret bietet Olia Lialina (*1971, New York) seit 2013 an, direkt mittels ‹User Rights›, der gleichnamigen Arbeit auf ihrer Website, in einem Akt der Selbstermächtigung über Forderungen abzustimmen und eigene Vorschläge zu unterbreiten. Die sich ständig erweiternde Liste macht klar, dass vermeintliche Selbstverständlichkeiten nicht gegeben sind. Ein Postulat ist etwa das Recht, den eigenen Account definitiv löschen zu können. In Bezug auf Facebook propagiert Benjamin Grosser in ‹Go Rando› von 2017 schlicht, Emojis per Zufall unter einen Beitrag zu setzen. Die Installation von ‹Go Rando› verunmögliche es den Algorithmen, das Naturell der Lesenden zu erfassen. Ähnlich ergeht es den Betrachtenden beim Ergründen der Gefühlslage von Grossers grotesk «mutiertem» Smiley, welches das Ausstellungsplakat ziert.
Auch angesichts der Netzkultur kann Unbehagen aufkommen, wie Angela Washko (*1986, Pittsburgh) in ihrer Videoarbeit von 2012 dokumentiert. Es reicht aus, in die begleitenden Chats von «World of Warcraft» feministische Themen einzubringen, um unangemessene Ablehnung, ja blanken Hass zu ernten. Gruppen wie Hackteria, die seit 2009 mit «Bio-Hacking» utopische Projekte auf Basis der ‹Commons› betreiben, etwa Malaria mit Robotern bekämpfen wollen, stellen wohl eher eine Ausnahme dar.
Generell zeigen sich in der Ausstellung zwei Tendenzen: einerseits die Schnell­lebigkeit des Mediums - Cao Feis ‹Second Life›-Welten beispielsweise wirken fast nostalgisch. Andererseits, dass offenbar aktuell als Strategie in einer Reihe von Arbeiten nur die Tarnung oder Anonymisierung bleibt. Passend finden sich in ‹Deeply›, 2016, der chinesischen Künstlerin Yinan Song im Plexiglaskasten Kondompackungen mit SD-Karten, die das Live-Betriebssystem ‹Tails (The Amnesic Incognito Live System)› enthalten. Sie sollen anonymes Surfen ermöglichen, dürfen aber zur Enttäuschung des Publikums nicht mitgenommen werden!

Bis 
12.11.2017
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Raus aus dem digitalen Unbehagen! 31.08.201712.11.2017 Ausstellung Langenthal
Schweiz
CH
Autor/innen
Adrian Dürrwang

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