Istanbul Biennale 2017- a good neighbour

Monica Bonvcini · Belt Out, 2017 ©ProLitteris. Foto: S.U. Eren

Besprechung

«Gerade jetzt muss die türkische Kunstszene unterstützt werden», hört man immer wieder in Istanbul, so auch auf der Presse­konferenz der 15. Istanbul Biennale Mitte September: ein Aufruf, eine Bitte, der Kunststadt nicht fernzubleiben und den Austausch miteinander zu stärken. Leicht fällt das nicht.

Istanbul Biennale 2017- a good neighbour

Noch immer gilt der Ausnahmezustand in der Türkei, Verhaftungen von Intellektuellen und Absagen von Ausstellungen haben zu Recht Angst, Paranoia und Pessimismus geschürt. Trotzdem wirkt die diesjährige Saisoneröffnung der Kunstszene, in deren Mittelpunkt die privat initiierte und auch finanzierte Biennale steht, wie ein kollektives Luftholen. Wie ist das Künstler-Kuratoren-Duo Elmgreen & Dragset in diesem Minenfeld politischer Spannungen vorgegangen? Sie haben ihrer Biennale das Motto ‹a good neighbour› vorangestellt und fragen damit, wie sich Krisen, Nationalismus und Migration auf private soziale Beziehungen auswirken. Kein theoretischer Überbau, nur vierzig Fragen, was das sein kann, «ein guter Nachbar», was das heisst, «Zusammenleben».
Die 56 künstlerischen Projekte führen weit über diese Fragen hinaus und nehmen das Glokale in den Blick. Die eindringlichste Arbeit ist wohl das verstörende Video des Kurden Erkan Özgen: ‹Wonderland› zeigt den 13-jährigen taubstummen Mohammed, geflohen aus Kobani, wie er wortlos das miterlebte Grauen des Krieges bildlich beschreibt. Eine schwerst traumatisierte Generation. Vielschichtiger arbeitet der New Yorker Fred Wilson, der sich in seinem mehrteiligen Beitrag ‹Afro Kismet› der (Un-)Sichtbarkeit von Schwarzen in der osmanischen Gesellschaft widmet. In einer visuellen und intellektuellen Fülle stellt er historische Gemälde, die den Sklavenhandel belegen, neben schwarz-weisse Flaggenkonturen jener beteiligten Länder und schwarze Leuchter aus Muranoglas. Mit Glas, 3000 zerbrochenen Coke-Flaschen mit grüner Flüssigkeit gefüllt, verarbeitet die junge Süd­afrikanerin Lungiswa Gqunta in ‹Lawn› ihre Erfahrung der rassistischen Exklusion: Vom Rasen der Weissen sah man nur die mit Glasscherben bestückte Mauer. Und im konservativen Viertel Fatih steht die provokanteste Arbeit: ‹Belt Out› von Monica Bonvicini. Eine Skulptur aus schwarzen Männergürteln in einem ehemaligen Hammam erinnert unmissverständlich an die Kaaba. Die Biennale adressiert Nachbarschaften, die unter Vertreibung, Rassismus und Krieg, unter Gentrifizierung, Umweltzerstörung oder Homophobie leiden.
Dass Elmgreen & Dragset in dieser Zeit eine künstlerisch anspruchsvolle, sozial-politische Biennale vorstellen, die mit Emanzipationsstrategien und Widerstandsgesten, aber auch Ohnmacht daherkommt, ohne in die einfache Falle der politischen Zensur zu tappen, ist bemerkenswert. Die Reise lohnt sich.

Bis 
12.11.2017
Autor/innen
Anke Hoffmann

Werbung