Sandrine Pelletier - Fragilität und Vitalität des Seins

9.5 sur l'échelle de Luther, 2017, in Zusammenarbeit mit dem Atelier Pascal Moret, Holz, Glas,
Hospitalité artistique, Eglise Saint-François, Lausanne (Ausstellungsansicht). Foto: Anoush Abrar

Sandrine Pelletier und Alain Huck · Le Divan, 2017, Mischtechnik auf Papier, A4. Foto: Catherine Monney

Fokus

In einem beeindruckenden Kraftakt verwandelte die Plastikerin Sandrine Pelletier 2017 die Eglise Saint-François in Lausanne, das Château de Gruyères sowie die Salle Poma im PasquArt in Biel in spektakuläre Orte melancholischer Träumereien. Nun beschliesst sie das Jahr mit einem nicht weniger kühnen ‹Cadavre Exquis› zusammen mit dem 20 Jahre älteren Meisterzeichner Alain Huck.

Sandrine Pelletier - Fragilität und Vitalität des Seins

Der ‹Cadavre Exquis› ist den Surrealisten zur vergnüglichen Auslotung des Unterbewusstseins 1925 eingefallen. Nun haben ihn die Künstlerin Sandrine Pelletrier und der Zeichner Alain Huck anlässlich der Einladung zu einer Ausstellung in der Praxis der Lausanner Ärztin Marie-Christine Gailloud-Matthieu aufgenommen und mit abgewandelten Regeln weitergespielt. Sie reichten die Blätter offen hin und her, bis weder sie noch er erneut eingreifen wollte, mochte, konnte. Der Titel der 50-teiligen Serie ‹Capitule› ist denn auch als «Kapituliere!» zu verstehen, womit der eine oder die andere die gegenseitige Auslotung von Identität und Universum, zeichnerischer Kompetenz und künstlerischer Strategien jeweils beendete.
Die prozesshaft generierte Auffächerung visueller Metaphern auf einer so banalen Unterlage wie einem A4-Blatt ist ein himmlischer Augenschmaus für Stunden! Höhepunkte sind etwa die von Huck unverschämt in schwarze Farbe getränkte Landschaft von Pelletier, die er dann mit einem weissen Fähnchen, auf dem rot «Total» steht, in eine alarmierende Voraussage der ökologischen Kata­strophe transformierte. Oder die konzentrischen Kreise von Huck, die über einer afrikanischen Maske von Pelletier nach mehreren weiteren Eingriffen zu einem die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts resümierenden «Dieu africain sur Le Divan» geraten ist. Aber vielleicht geschah auch alles anders herum. Schelmisch überlassen die beiden das Auseinanderdivideren der Hände denjenigen, die sich dazu berufen fühlen.

Von Nähen und Sticken zum Spiel mit dem Feuer
Im Gegensatz zu Huck ist Sandrine Pelletier bislang noch nie öffentlich mit freien Handzeichnungen aufgetreten, obwohl sie in ihrer Praxis eine vielfältige Funktion einnehmen. Pelletier ist eine Künstlerin, die bei der Artikulation eines für sie gültigen Werks eine rituelle Reibung mit Energien braucht, die ihre Imagination in überraschender Weise aufnehmen und umgestalten und ihr dabei Tiefe, Wucht, Eleganz, Humor und Erotik verleihen. Gerne benutzt sie dazu widerspenstige Techniken und Materialien, die sie dann durch verschiedene Aggregatszustände treibt.
Vor rund sieben Jahren hat sich Pelletier vom ausgesprochen weiblich konnotierten Nähen und Sticken zur schweisstreibenden Arbeit mit dem Feuer bekehrt. Wenn sie nun wie eine androgyne Auferstehung einer mythischen göttlichen Künstlerschmiede im Widerschein der Flammen mit angespannten Muskeln und verrusstem Gesicht auf Holz, Ton, Glas und Bronze einwirkt, wirkt sie schlicht und einfach umwerfend! Vielleicht ist aber auch zu fragen, weshalb gleich mehrere Künstlerinnen ihrer Generation erst mit solchen Kraftakten auf der Bühne der Kunst richtig Furore machten. Insofern erscheint das Feuer bei Pelletier wie das, was für Claudia Comte die Fräse oder Katja Schenker die Flieh- und die Schwerkraft sind.
Wie das Material bei Pelletier unter der Einwirkung des Feuers verbrennt, aufplatzt, zerfliesst, hat jedoch weniger mit zur Schau gestellter Souveränität als mit vor Augen geführter Vergänglichkeit zu tun. Dies kam ergreifend in der Installation in diesem Sommer in der Eglise Saint-François in Lausanne zum Ausdruck, die sie aus Anlass des 500. Geburtsjahres der Reformation realisieren konnte. Statt sich hagiographisch in das Thema einzuschwingen, antwortete sie mit 95 verkohlten Leitern unter tränenden Kirchenfenstern auf die schmerzhaften Konsequenzen der hoch gegriffenen 95 Thesen Martin Luthers von 1517. Dass diese Setzung, die den Raum subjektiv rhythmisierte, das Publikum sichtlich zu Meditationen über die grossen Fragen des Lebens anregte, berührte und beglückte die Künstlerin.

Fluidität

Auch in ihren jüngsten Installationen im Châteaux de Gruyères und in der ­Salle Poma im PasquArt in Biel tritt das wunderbar Fluide ihrer Werke zu Tage. Dieses erlaubt einem, die schwermütige, ja angsterfüllte Stimmung, mit der sie einen oft zuerst berührt, wieder aufzubrechen. Durch diesen beweglichen Ansatz gelingt es ihr, konträre Bildwelten miteinander zu versöhnen, statt hart auf hart prallen zu lassen. Faszinierend lösen sich in ihrem Werk immer wieder nicht nur Abstraktes und Realistisches, magische Diagramme und rationale Konstruktionen, Gefertigtes und Gefundenes ineinander auf, sondern auch Okzidentales und Orientales, Nördliches und Südliches. Und doch bleiben die gegensätzlichen Qualitäten präsent. Diese werden in den verschiedenen Räumen im Château de Gruyères von der Pforte bis unter das Dach zum roten Faden ihrer Interventionen. Die Installation zur Leseperformance zum Roman ‹Der einzige Ort› von Thomas Stangl in der Salle Poma im PasquArt in Biel eröffnet dagegen ein in sich geschlossenes Territorium für Entdeckungsreisen, die zwischen unterschiedlichsten Weltaneignungen oszillieren. Mit einer vergleichbaren Vielfalt an Lebensanschauungen waren auch die zwei Romanhelden konfrontiert, die als erste Europäer in die sagenumwobene Stadt Timbuktu gereist sind.
Seit ihrer Residenz in Kairo bewegt sich Pelletier viel in diesen geografischen Zonen, die mittlerweile in ihrem Werk auch grosses Echo ausgelöst haben. In der Salle Poma hat sie ein ähnliches Holzgerüst aufgebaut wie das, welches sie vorgängig in der Wüste von Fayoum gemäss der Orientierung an den Sternbildern realisiert hatte. Mit den Bauteilen eines in der Nähe des PasqArt abgebrochenen Hauses sowie in Ägypten gesammelten Gegenständen hat sie nun die Salle in einen vielfältigen Gedächtnisraum verwandelt. Wie bereits die kreuz und quer in den Raum gestellten Leitern in der Eglise Saint-François rufen auch diese mit Zeichen gefüllten Gitter und Konstruktionen Paul Klee in Erinnerung. Dieser hatte bekanntlich hundert Jahre zuvor orientalische und südliche Eindrücke in seinem Werk verarbeitet. Zwar ist Pelletier nicht wie er dort zur Farbe gekommen. Doch wie bei ihm ist auch bei ihr durch diese Reisen das Tagträumerische im Findungs- und Schöpfunsprozess erst richtig durchgebrochen, das heute angesichts ihrer Werke so tiefe Gefühle weckt.

Bis 
19.11.2017

Sandrine Pelletier (*1976, Lausanne) lebt in Lausanne und Kairo

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹9.5 sur l' échelle de Luther›, Eglise Saint-François, Lausanne
2015 Opéra de Lausanne, Salon Alice Bailly, Lausanne, ‹Only the Ocean is Pacific›, Musée des Beaux-Arts du Locle
2014 ‹Sandrine Pelletier›, Kunstverein Oberwallis, Galerie Zur Matze, Brig, ‹La Horde›, art geneva, Genf, ‹Masculine Moon›, Rosa Turetsky gallery, Geneva
2010 ‹Grand Tour›, Rosa Turetsky gallery, Geneva
2009 ‹Time To Clown Around›, Taché-Levy gallery, Brussel‹GoodBye›, Pieceunic gallery, Geneva,‹Out For Lunch›, Espace Doll, Lausanne, ‹Pays Extérieurs›, Super Window Project, Kyoto

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Miroir, miroir›, Mud'ac, Lausanne, ‹Jeunes pousses›, Château de Vuillerens, ‹Crystal Palace›, Galerie Escougnou - Cetraro, Paris
2016 ‹Le Retour des Ténèbres. L'imaginaire gothique depuis Frankenstein›, Musée Rath, Genf, ‹On.Off 3›, On.Off, Winterthur, ‹Less Than Important›, Studio Khana, Kairo
2015 ‹Lady Made›, Espace Le Carré, Lille, ‹Map of the New Art›, Fondazione Cini, Venezia, ‹Des seins à dessein›, Espace Arlaud, Lausanne
2014 ‹Lupanar›, Galerie Forma, Lausanne, ‹Emergences›, Bex & Arts, Bex, ‹Poor Papers›, Must Gallery, Lugano, ‹Telling Tales›, Pasquart, Biel

Ausstellungen Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Livia Di Giovanna, Sandrine Pelletier 22.09.201719.11.2017 Ausstellung Biel/Bienne
Schweiz
CH
Sandrine Pelletier 01.07.201722.10.2017 Ausstellung Gruyères
Schweiz
CH

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