Alexandra Bachzetsis — Fake-Langeweile

Alexandra Bachzetsis · An Ideal for Living, 2018, Ausstellungsansicht Centre culturel suisse à Paris. Foto: Marc Domage

Alexandra Bachzetsis · An Ideal for Living, 2018, Ausstellungsansicht Centre culturel suisse à Paris. Foto: Marc Domage

Besprechung

Das Leben durch Bildschirme und grafische Oberflächen wahrzunehmen, verändert die Räume, die wir einrichten, vervielfältigt sie im Selbstzitat. Im Centre culturel suisse ist zu entdecken, wie Objekte und Videobilder wieder als Theatrum Mundi angeordnet werden können. Hier ist nichts wahr.

Alexandra Bachzetsis — Fake-Langeweile

Paris — Welttheater bezeichnet jene barocke Vorstellung eines Lebensraums, in dem Ding und Mensch ihren bestimmten Ort haben. Mitte des 17. Jahrhunderts spiegelte sich das im Deus ex Machina und im mechanischen Bühnenbild. Trompe-l’Œil-Malerei und Dissimulation schufen einen Raum, in dem Einbildungskraft und Realität im eklektizistischen Zusammenprall ein passendes Ganzes ergeben. Bekannt durch Videos und Tanzperformances zwischen Populär- und Hochkultur ist das Wechselspiel von Körper, Ding und Bild Alexandra Bachzetsis’ Markenzeichen. Im Rahmen von ‹Performance Process›, 2015, erschienen die Tänzerinnen im Centre culturel suisse in ihrem Stück ‹From A to B via C› in Ganzkörperkostümen wie freigelegte Muskelfiguren aus einem Anatomielexikon. Kunst habe für sie «ein Gefühl der Zugehörigkeit» geschaffen, sagte sie zu Paul B. Preciado, «einen Raum, in dem ich existieren konnte.» Der Philosoph hatte Bachzetsis als Teilnehmerin der documenta 14 porträtiert. Jetzt bietet sie mit ‹An Ideal for Living› eine installative Ausstellung, die diesen Lebensraum unbehaust, seine Akteur/innen teilnahmslos, fast grausam, dessen Objekte als Fake erscheinen lässt. ‹Fake Muse› steht hinter einem schwarzen Sockel, auf dem ein Mikrofon zum Auftritt einlädt. Es ist nicht angeschlossen. Bachzetsis’ Schau ist eine theatrale Erzählung, in der reales Objekt und Videobild gemeinsam agieren. In ‹A Manual for Desire› hüpft eine Performerin im Video in Highheels mit grotesk aufgeblasenem Po auf Turnmatratzen. Dieselben liegen davor im Raum. «Ich interessiere mich für die Korrelation zwischen Objekt und Handlung, für die Gegenständlichkeit von Körper und Bewegung», sagt die 43-jährige Zürcherin im Interview. Um diese Korrelation zu formulieren, amalgamiert sie Alltagsgegenstände, Stimmungen, künstlerische Stile. Anspielungen auf Roman Signers explosiven Witz lassen sich erkennen, Fabrice Gygis skulptural gebundene Gewalt oder Liz Magors prekäre Architekturen. Darin der Post-Internet-Ästhetik verwandt, kalkuliert Bachzetsis ihre Arbeiten weniger auf Abbildung. Vielmehr verführt sie mit der Langeweile selbstbezüglichen Formengeschehens in ein hyperindividualistisches Welttheater, in dem Einbildungskraft und Realität wieder ein passendes Ganzes ergeben. Im titelgebenden Video ‹An Ideal for Living› sind zwei Jugendliche in der unerträglichen Leichtigkeit ihrer Smartphones gefangen. Zunächst separiert, spielen sie am Ende auf Socken Luftfussball. Dann rollt ein Ball durchs Bild. Allein, getrennt vom Spiel.

Bis 
09.12.2018
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Alexandra Bachzetsis, Shirin Yousefi 08.09.201809.12.2018 Ausstellung Paris
Frankreich
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