How Evil Is Pop Art?

Konrad Lueg · Cassius Clay, 1964 © ProLitteris

Konrad Lueg · Cassius Clay, 1964 © ProLitteris

Mario Schifano · Particolare di propaganda, 1962, Privatsammlung © ProLitteris

Mario Schifano · Particolare di propaganda, 1962, Privatsammlung © ProLitteris

Hinweis

How Evil Is Pop Art?

Lugano — Tobia Bezzola wirft in seiner kontrastreichen, dichten und eklektischen Schau, Tullia Trevi zitierend, die Frage auf: ‹Wie diabolisch ist Pop-Art?›. Der neue Direktor des Masi Lugano setzt die Latte hoch an, denn die Geschichte der Pop-Art soll gänzlich neu geschrieben werden. Die als amerikanisch taxierte Kunstrichtung entwickelte sich in Wirklichkeit aus europäischen Vorläufern Ende Fünfziger-, Anfang Sechzigerjahre. Der Wiederaufbau Europas ging Hand in Hand mit dem gewaltigen Wirtschaftsboom und dessen bunt schreiender Werbung. Die amerikanische Warenästhetik wurde kurz nach der Landung der Alliierten zum Publikumsmagnet und bald etablierten sich Coca-Cola und Lewis, Chewing-Gum und Esso als Symbole des Neubeginns in den Köpfen der Konsument/innen. Als Reaktion auf die elitäre abstrakte Kunst nach 1945 forderte die Pop-Art in Europa eine Demokratisierung der Kunst, nobilitierte die «Low-Art» durch vielgestaltige Formen der Appropriation der Alltagsästhetik und durch Inklusion von Industriegegenständen als Echo der dadaistischen Ready-Mades. Die Ausstellung aus Beständen zweier hochkarätiger Sammlungen – des Sammlerpaars Olgiati und einer anonym bleibenden – enthüllt die wahren Ursprünge der Pop-Art in Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien und erlaubt es, einige bisher kaum bekannte Werke zu entdecken. Die britischen Künstler um die ‹IG, Independent Group›, Richard Hamilton, Peter Blake oder Pauline Boty, gelten als die eigentlichen Vorreiter der Pop-Art, ihre Collagen aus Zeitschriften und Übermalungen sind vorwiegend kleinformatig. Die französischen Nouveaux Réalistes setzen die gefundenen Gegenstände auf spielerische und ironische Weise in Szene: Tinguely bewegt, Christo verpackt und Spoerri fixiert die «Objets trouvés», während Martial Raysse seine grafische Ästhetik mit knalligen Farben entwickelt. Die Effizienz der plakativen Anzeigenästhetik multiplizierend, spielen die Werke der Italiener Tano Festa, Mario Schifano, Pistoletto oder Mimmo Rotella mit der visuellen Wirkung der Werbeflächen. Nicht zufällig befindet sich Konrad Luegs (eigentlich Konrad Fischers) Bild ‹Cassius Clay› am Anfang der Ausstellung: Der von einem Pressefoto abgemalte Boxkampf symbolisiert wohl den Kalten Krieg oder den kapitalistischen Konkurrenzkampf. Die europäische Pop-Art ante litteram zeigt sich vielschichtig, ironisch und tiefgründig: Sie schreit zurück, wie das Echo aus dem Wald.

Bis 
06.01.2018

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