Independence — Aus dem Protokoll eines Ausstellungsbesuchs

Tobias Kaspar · Harlequin Teddy, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern. Foto: Gunnar Meier

Tobias Kaspar · Harlequin Teddy, 2018, Installationsansicht, Kunsthalle Bern. Foto: Gunnar Meier

Besprechung

In der Kunsthalle wurde eine Ausstellung eröffnet, die als Unabhängigkeitserklärung entworfen war, mit der Anonymität der gezeigten Arbeiten spielte, schlussendlich allerdings zu -einer ziemlich auf das Künstler-Subjekt fixierten Reinszenierung von Marktlogiken und Aufmerksamkeitsökonomien mutierte.

Independence — Aus dem Protokoll eines Ausstellungsbesuchs

Bern — Was macht ein Künstler, der nicht erkannt werden möchte, dann irgendwie doch erkannt werden will und von der Kunstkritikerin nicht erkannt wird? Er dreht verdutzt ab, läuft zu seinem Hund, ‹Aibo›, 2018, (Roboterhund), und spielt mit ihm: «Take a picture, Aibo, take a picture!» Samstag, 22.9.2018, 13.36 Uhr, Kunsthalle Bern. Am Abend zuvor wurde hier feierlich die Ausstellung ‹Independence› eröffnet. «Der/die Künstler*in dieser Ausstellung bleibt vorerst ungenannt», hiess es im Pressetext. ‹Independence› ist ein über (Un)Abhängigkeiten in der Kunst, der Mode, dem Film, dem Leben und dem Wahnsinn plauderndes, aus dem Inner Circle des Kunstsystems heraus entworfenes und dezidiert für dessen erlesenen diskursgefestigten Kreis der Happy Few produziertes Ausstellungsspektakel, zu dem auch der oben zitierte Pressetext seinen nicht unerheblichen Teil beiträgt. Ein nach allen «Regeln der Kunst» verfasstes, in alle denkbaren Richtungen einer kritisch argumentierenden Kunstbetrachtung anschlussfähig bleibendes Diskursprosa-(Mani)fest – das (fast) keine Frage offenlässt. Dafür aber die Kunstkritikerin im Zug nach Bern kurzfristig in Erwägung ziehen lässt, stehenden Fusses umzukehren. Alle möglichen und unmöglichen Deutungen sind hier vorweggenommen. Mission accomplished. Es lebe Copy-Paste. In der Kunsthalle, nach dem oben protokollierten Fast-Zusammenprall zwischen dem unerkannten Künstler und der latent unterinformierten Kunstkritikerin, dann Begegnungen mit bunten Bärchen, ‹Harlequin Teddy›, 2018 (1000 Teddybären: Polyester, Baumwolle, Glas), aufgeschnittenen Turnschuhen, ‹Stan Smith›, 2016, (Bronze, geschnitten und teilweise poliert), und cremenden Frauen, ‹Hydra Life›, 2013, Full HD, 29 min). Kunst-Kunst irgendwie. In Saal vier reckt mir alsdann ein Bärchen so auffordernd sein Hinterteil entgegen, dass dieses Begehren nach Erkennen auch ich nicht mehr ignorieren kann, einen Blick auf den am Po des Bärchens angebrachten Zettel werfe und ebenda auf «Tobias Kaspar» stosse. Ebenso auf der Rückseite einer der vielen kreuz und quer im Raum gehängten Bilder: «Tobias Kaspar» (‹Nina coloring her hair›, 2010, aus der Serie ‹Why Sex Now›, C-Print) ist dort zu lesen. Spätestens jetzt hat den Wink auch die Kunstkritikerin verstanden, wirft dem nun in seine modischen Einzelteile und diskursiven Hintergründe zerlegten Künstler ein letztes Lächeln zu – der sich später übrigens als Aufsichtskraft der Ausstellung entpuppen wird – und fragt sich im Hinausgehen, wie viel Mut eine solche postmoderne, galeriengestützte und vermeintlich kritische «künstlerische Haltung» (noch) erfordert.

Bis 
02.12.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Independent 22.09.201802.12.2018 Ausstellung Bern
Schweiz
CH
Autor/innen
Verena Doerfler
Künstler/innen
Tobias Kaspar

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