Karin Sander — Zufall, Zeit, Raum

Karin Sander · Kitchen Pieces, 2012/2018 (links); Karin Sander 1:5, 2018, zwei Bodyscans der Künstlerin, eines davon spiegelverkehrt; Boden, 1991/2018 (hinten), betretbares, sechs Räume verbindendes Podest, auf dem die Person selbst zum Objekt wird, Installationsansicht Kunstmuseum Winterthur. © ProLitteris. Foto: Lucas Ziegler

Karin Sander · Kitchen Pieces, 2012/2018 (links); Karin Sander 1:5, 2018, zwei Bodyscans der Künstlerin, eines davon spiegelverkehrt; Boden, 1991/2018 (hinten), betretbares, sechs Räume verbindendes Podest, auf dem die Person selbst zum Objekt wird, Installationsansicht Kunstmuseum Winterthur. © ProLitteris. Foto: Lucas Ziegler

Besprechung

Die umfangreiche Schau von Karin Sander lässt sich von vielen Seiten betrachten. Da finden konzeptuelle Strenge und spielerische Ironie zusammen, da werden Grenzen aufgehoben und Vorstellungen umgekehrt. Das funktioniert – es liegt in der Natur – nicht immer, erscheint aber immer authentisch.

Karin Sander — Zufall, Zeit, Raum

Winterthur — «Ich habe alles versucht, um nicht Künstlerin zu werden. Aber es ist mir nicht gelungen.» Karin Sander (*1957, Bensberg, NRW) sagt es im Gespräch mit Direktor Konrad Bitterli, dem Kurator der Ausstellung, die sich nicht nur über alle zwölf Räume des Erweiterungsbaus des Kunstmuseums beim Stadthaus erstreckt, sondern auch im Museum Reinhart am Stadtgarten ihre Spuren hinterlässt. Diese Künstlerin wider Willen strotzt nur so vor Ideen und Einfällen, mit denen sie seit Jahrzehnten schon die Kunst unterwandert. Sie lässt Kunst geschehen, delegiert sie, setzt sie Raum und Zeit aus. So wie das ‹Mailed Painting 127›, das am Anfang, 2013, nichts weiter als eine leere grundierte Leinwand war. Nun hängt es – nach Reisen nach Bonn, Berlin, Genf, Madrid, zuletzt Winterthur – als von fünf Jahren des ungeschützten Unterwegsseins gezeichnetes Zufallsprodukt zwischen einem van Doesburg und einem Mondrian: ein listiger Auftakt in der Sammlung auf dem Weg vom Alt- in den Erweiterungsbau. Ein Werk mit Patina – Schmutzspuren, Oberflächenverletzungen und dem effektvollen Eingriff eines Postangestellten, der das nackte Bild-«Paket» mit drei schwarzen Bändern zu sichern suchte, sodass es wie ein seltsamer Mondrian wirkt. Interpretation wäre fehl am Platz, jeder Betrachter, jede Betrachterin kann deuten, wie er/sie will. Das Werk selbst be-deutet nicht(s). Und die Deutungshoheit liegt, wenn es denn je so war, nicht bei seiner Schöpferin oder seinem Schöpfer. Solchen ‹Mailed Paintings› begegnet man – neben einer Fülle anderer Objekte und Installationen, die sich an der Kunst und dem reiben, was wir gewöhnlich in einem Museum erwarten – auch später noch: Wie so manches in Sanders Schaffen Dinge in die Welt setzt, damit sich ihnen die Spuren ihres Wegs durch die Welt einschreiben. Dass diese sich nicht wirklich lesen lassen, gehört dazu. Nicht anders geht es einem mit den ‹Kitchen Pieces›, die sich zu Dutzenden den Wänden entlang durch die Ausstellung ziehen, als lockere Reihe von Obst und Gemüse. Echtes Obst und echtes Gemüse, an denen der Zahn der Zeit nagt. Fast unbeschadet nach mehreren Wochen im Museum Ingwerwurzel, Flaschenkürbis, Orange, die Zitrone mit ihrer Saftspur; welk und spannungslos Salat, Lauch, Romanesco: Nature morte, in der noch Leben steckt. Reifes wird welk, eben noch Lebendiges schrumpft. Dem Menschen ergeht es nicht anders, auch das zeigt die Sander-Schau, bei der Wahrnehmung ganz im Zentrum steht. 

Bis 
18.11.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Karin Sander 07.09.201818.11.2018 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass
Künstler/innen
Karin Sander

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