Katja Schenker — Sichtbar- und Lesbarmachen

Dreamer, 2018, Fachhochschule Nordwestschweiz, Muttenz, 2018. Foto: Tom Bisig

Dreamer, 2018, Fachhochschule Nordwestschweiz, Muttenz, 2018. Foto: Tom Bisig

Katja Schenker, 2018. Foto: Larissa Bieler

Katja Schenker, 2018. Foto: Larissa Bieler

Dreamer, 2018, Fachhochschule Nordwestschweiz, Muttenz, 2018, Detail. Foto: Tom Bisig

Dreamer, 2018, Fachhochschule Nordwestschweiz, Muttenz, 2018, Detail. Foto: Tom Bisig

Forteresse, 2011/2017, Live-Performance, ‹Performance Process›, Museum Tinguely 19.9.2017, Courtesy Museum Tinguely, Basel. Foto: Daniel Spehr

Forteresse, 2011/2017, Live-Performance, ‹Performance Process›, Museum Tinguely 19.9.2017, Courtesy Museum Tinguely, Basel. Foto: Daniel Spehr

Nougat (auffächern), 2008, Bleistift auf Papier, Courtesy Galerie Mitterrand, Paris. Foto: Aurelien Mole

Nougat (auffächern), 2008, Bleistift auf Papier, Courtesy Galerie Mitterrand, Paris. Foto: Aurelien Mole

Fokus

Katja Schenker zaubert aus verschwommenen, schwer zu fassenden Körpergefühlen Zeichnungen, performative Prozesse und monumentale Plastiken hervor. Die wie von selbst zur Spiegelung einladenden Bilder und Werke ermöglichen uns nicht nur ein ergreifendes Auskundschaften der eigenen Befindlichkeiten. Sie führen uns schliesslich auch zu einem klaren, genauen Denken und Sprechen über das, was den Menschen im Wesen ausmacht. 

Katja Schenker — Sichtbar- und Lesbarmachen

Katja Schenker holte mich im Sommer 2017 im Security Container der Baustelle der neuen Fachhochschule Nordwestschweiz/FHNW in Muttenz in hohen Gummistiefeln und mit einem Schutzhelm auf dem Kopf ab. Ihre schlanke, hohe Gestalt wirkte noch auffallender als sonst – nicht nur wegen dieser Montur. Regelrecht drahtig war die Künstlerin geworden bei der monatelangen Arbeit an ihrem bisher langwierigsten und aufwändigsten Kunst-am-Bau-Projekt, das sie 2014 unter dem Arbeitstitel ‹Wie tief ist die Zeit?› eingegeben hatte. Das Werk bildet die zentrale Achse eines weitläufigen, von kreuz und quer in die Höhe schiessenden Treppen geprägten Gebäudes. Ähnlich wie Mies van der Rohe das Seagram Building an der Park Avenue New York an den Rand des möglichen Bauplatzes setzte, platzierte auch das Büro pool Architekten die neue FHNW an den Rand der zur Verfügung stehenden Zone und zog das Gebäude  in die Höhe, sodass genügend Raum für eine ausgedehnte Parkanlage frei blieb.

Ästhetische und technische Herausforderungen
Die Aufrichte des über einer Grundfläche von etwas mehr als 2,4 x 2,4 bis auf über 11 Meter hochgezogenen Monolithen aus hundert Tonnen Beton und einer Myriade anderer Materialien lag damals wenige Wochen zurück. Beim Wettbewerb 2014 hatte Schenker dem Projekt den Arbeitstitel ‹Wie tief ist die Zeit?› verliehen; jetzt war sie daran, dem Monolithen mit einer Diamantkreissäge die äusserste «Haut» abzuschneiden und sein Innenleben zu enthüllen, und zwar innerhalb von vier riesigen Flächen von aufgeschnittenem Gestein, Hölzern und Erzen in den erstaunlichsten Farben, Formen und Texturen. Diese Vielfalt resultiert aus den jahrelang mehr intuitiv als gezielt in der Natur, in Steinbrüchen, Erzgiessereien und Gartenzentren gesammelten Objekten, welche die Künstlerin dann nach und nach in die Verschalung des Monolithen eingeschichtet hatte, ein ebenso ausgewogenes wie vielfältiges Bild auf jeder Seite anstrebend. «Es war eine Mischung aus Zufall und Absicht. Letztlich konnte ich es mir oft nicht vorstellen. Einige Elemente wie etwa gewisse zuvor in Wasser gelegte Äste und Stämme zu platzieren, hat mich oft einen halben Tag gekostet. Ich musste stets technische Überlegungen anstellen, damit die Spannung nirgends zu gross wird und ein Stück plötzlich wieder hinausspickt.» Inzwischen ist die Arbeit fertiggestellt, aber die Oberfläche, die man von den Treppen aus gut sehen kann, hielt Schenker nochmals stark in Atem: «Der Monolith hatte einen Wasserkopf. Ich musste erneut aufbauen, damit das Verhältnis stimmt. Jetzt ergibt sich von oben nochmals ein ganz anderes Hineinschauen. Der Monolith scheint hier wie ein Riegel zerbrochen. Auf den vier Seiten zeigt sich sein Innenleben. Von oben hat man das Gefühl, wirklich hineinzusehen.»

Für die Ewigkeit und ephemer
Der Monolith, der die Proportionen des auf einem Raster von 7 Metern aufgebauten Gebäudes und dessen Baumaterial Beton harmonisch aufgreift, erscheint in seiner Nacktheit und Zerbrechlichkeit aber doch als etwas ganz anderes als seine Umgebung. Im Hinblick auf die künftig um ihn herum zirkulierenden Studierenden aus den Bereichen Architektur, Lebenswissenschaften, Pädagogik und Sozialarbeit hat ihn Katja Schenker ‹Dreamer› getauft: «Er ist zugleich für die Ewigkeit und ephemer. Er ist nur unten armiert. Man könnte heftig blasen, er würde weggewindet.» In ihren Absichtserklärungen hat die Künstlerin damals geschrieben, dass sich das Werk um die Aufgabe dreht, in einer zunehmend virtuellen und simulativen Welt mit täglichem Substanz- und Objektivitätsverlust innere Stabilität und Selbstsicherheit zu bewahren. Die gestalterische Energie, die dem ‹Dreamer› durch die jahrelange Sorgfalt vom Auswählen bis zum Einlegen, Anordnen und Vermischen der Objekte innewohnt, hat sich in eine visuelle Strahlkraft verwandelt, die ihn wie ein magisches Kultobjekt erscheinen lässt. Die Künstlerin selbst hat die dichte, satte Verbindung der bereits die Spuren unzähliger Orte und Zeiten in sich tragenden Elemente als Affirmation erfahren, «dass es immer wieder weitergeht, Dinge sich neu finden – und es wieder hält». In der laufenden Ausstellung von Katja Schenker im Project Room der Pariser Galerie Mitterrand sind dagegen gleichsam Anfang und Ende des ganzen Projekts ‹Wie tief ist die Zeit?› gefasst. Alles begann 2008 mit Zeichnungen, in denen sie mit einem Strich, ohne den Bleistift abzusetzen, angeregt vom manchmal spontanen Erspüren und Ergründen des hermetischen Volumens des eigenen Körpers, auf dem Blatt einen Rauminhalt aufzustossen und aufzufächern versuchte. Zu einer Präfiguration des ‹Dreamer› in Muttenz im Sinne des Einschlusses organischer und mineralischer Elemente wie Eingeweide in Beton gelangte sie jedoch erst ein Jahr später während eines Atelierstipendiums im Sitterwerk in St. Gallen. Der Rumpf des damals gegossenen Fladens gehört nun – an manchen Stellen von Pflanzen in Besitz genommen – zum Skulpturenpark der Domaine de Muy in Südfrankreich, die vier Abschnitte, die man als geologische oder archäologische Proben des künstlerischen Prozesses beschreiben könnte, befinden sich mittlerweile in verschiedenen Sammlungen in der Schweiz. Auch von den vielen Abschnitten des ‹Dreamer› hat Katja Schenker eine Auswahl als selbständige Kunstwerke in Umlauf gesetzt, bei deren Betrachtung man – und ist dies nicht atemberaubend? – wie vom Innern des Monolithen hinausschaut. Neben zwei besonders bemerkenswerten Beispielen ist in der Pariser Galerie Mitterrand das Kartonmodell ausgestellt, auf dem Katja Schenker jeden Tag protokollierte, was sie wo in den Beton gegossen hatte.

Verbergen und enthüllen
Auch in verschiedenen anderen Performance-Skulpturen hat die Künstlerin in den letzten Jahren Momente dieses Eindringens in ein dichtes, sattes Körpergefühl thematisiert. So etwa in der erstmals an der Môtier Art en plein air 2011 generierten Arbeit ‹rencontre›, bei der sie einen in die Arme genommenen Betonklumpen zwischen Schoss und Brust so stark einzuengen versuchte, dass er sich ihren Gliedern ganz und gar anschmiegte und anpasste, nicht ohne durch Falten und Brüche ihre physisch-psychische Anstrengung bis zum Äussersten aufzuzeichnen. Oder in dem 2010 erstmals in der Kunsthalle Luzern realisierten Werk ‹forteresse›, bei dem sie ein Bollwerk aus Lehm durch das Ziehen an einem darum herumgewickelten Faden in einem nicht geringeren Kraftakt Lage für Lage zerschneidet. Was das Schaffen der auch geisteswissenschaftlich ausgebildeten Katja Schenker so faszinierend macht, ist ihre Fähigkeit, während des gesamten performativ-skulpturalen Prozesses alles Wissen, die bestehenden Referenzen und vorgefassten Antworten zu vergessen. Das unvoreingenommene Sehen, Denken und Fühlen, hat der zeitgenössische Philosoph und Kunsthistoriker Georges Didi-Hubermann immer wieder als Anfangshaltung bei der Begegnung mit dem Kunstwerk in einer überbordenden Buchproduktion vertreten. Die von ihm methodisch und theoretisch untermauerte verschärfte Aufmerksamkeit auf alles, was beim Betrachten von Bildern gespürt, gefühlt und gedanklich erfasst wird, hat Katja Schenker radikal in ihr Schaffen von Bildern übertragen. Sie konstruiert nicht, sondern lässt etwas wachsen, kommen. Ihre Werke entstehen in engem physischem Kontakt und werden dann veräussert, abgenabelt, werden eigenständig. Vor allem aber ist in ihren Werken stets genau das enthalten, was sie auf ihrer Oberfläche zeigen, was in Öffnungen, Schnitten und Wunden erscheint oder aus ihnen quillt und platzt. Ihre Arbeiten weisen viele Spuren auf, führen uns aber nie auf eine falsche Fährte. Es gibt um sie herum nur ein offenes Erleben und Erkennen, das befreites Denken und Sprechen ermöglicht.

Die Aussagen von Katja Schenker stammen aus Gesprächen auf der Baustelle in Muttenz im Sommer 2017, im Atelier in Zürich am 24.8.2018 und in der Galerie Mitterrand in Paris am 6.9.2018. Katharina Holderegger Rossier, Kunsthistorikerin, Kritikerin und Kuratorin, lebt in Gland VD. kholderegger@hotmail.com

Bis 
03.11.2018

Katja Schenker (*1968 St. Gallen, lebt und arbeitet in Zürich)

Seit 1999 fünfzig Auftritte als Performerin und zwölf Kunst-am-Bau-Projekte
1999/2000 Hospitanz, Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, heute ZHdK
1995–1996 Studium, Ecoles des Hautes Etudes Paris
1989–1997 Studium der Komparatistik, Kunstgeschichte und Philosophie, Universität Zürich (lic. phil. I)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Slices of a Dream›, Galerie Mitterrand, Paris
2015 Galerie Mitterrand, Paris, ‹Zementgarten›, Espace d’art contemporain (les halles), Porrentruy
2014–2015 ‹En bas›, Cabinet de Marie-Christine Gailloud-Matthieu, Lausanne
2013 Jinji Lake Art Museum, Suzhou; ‹Mit angewinkelten Beinen›,
Kunstmuseum Olten
2011 ‹moll›, Kunstverein Konstanz

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹PerformanceProcess›, Museum Tinguely, Basel
2016 ‹Open End›, Cimetière des Rois, Genève
2015 Kochi Muziris Biennale, Kerala; ‹Morgenröte›, Kunsthalle Bern;
‹PerformanceProcess›, Centre culturel suisse, Paris
2013 ‹Talk to the Hand›, Helmhaus Zürich
2012 ‹I am the space where I am›, He Xiangning Art Museum, Shenzhen

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Katja Schenker 07.09.201803.11.2018 Ausstellung Paris
Frankreich
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