Koki Tanaka — Wie eigene Geschichten anderes verändern

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Koki Tanaka, 2015. Foto: Motoyuki Daifu

Koki Tanaka, 2015. Foto: Motoyuki Daifu

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, production photo. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo)

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo). Foto: Lorenzo Pusterla

Vulnerable Histories (A Road Movie), 2018, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space (Guangzhou), Aoyama Meguro (Tokyo). Foto: Lorenzo Pusterla

Fokus

In der Videoarbeit ‹Vulnerable Histories› unterhalten sich die in Japan lebende Zainichi-Koreanerin Woohi Chung und der in der Schweiz situierte japanisch-amerikanische Christian Hofer über Herkunft, Zugehörigkeit und Rassismus. Gezeigt werden filmische Aufzeichnungen der an unterschiedlichen Orten stattfindenden Gespräche der beiden, eingefügt in verschiedene Settings – und durch die Ausstellung spazierend wird deutlich, wie wichtig es ist, über soziale Ungerechtigkeit zu sprechen –  auch wenn man sich dabei verwundbar macht.

Koki Tanaka — Wie eigene Geschichten anderes verändern

Bernardi: In deiner Video-Ausstellung sprechen die beiden Protagonisten über die Zainichi-Koreaner, eine in Japan lebende Minderheit, und nehmen dies als Anlass, sich mit Fragen nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Rassismus auseinanderzusetzen. Warum hast du dich ausgerechnet für dieses Thema entschieden?

Tanaka: 2015 lernte ich im Rahmen der Ausstellung ‹Possibilities for being together. Their praxis› in Mito die zainichi-koreanische Soziologin Tong-hyon Han kennen. Obwohl ich schon damals über die Minderheit Bescheid wusste, war ich betroffen vom alltäglichen Rassismus der Japaner gegenüber den Koreanern, über den Han sprach. So entschied ich, das Thema in einer meiner Arbeiten aufzugreifen. Allerdings lebte ich damals noch in Los Angeles und mir fehlte die Zeit. Vor zwei Jahren zog ich nach Kyoto und meine Wohnung befand sich jetzt in unmittelbarer Nähe des Viertels Higashi-Kujo, wo viele Zainichi-Koreaner leben. In den ersten Wochen meines Aufenthalts fragte mich eine lokale Künstlerin verständnislos, warum ich denn ausgerechnet diesen Ort ausgewählt hätte. Ich fand die Aussage sehr seltsam, da ich Japan nie als rassistisches Land wahrgenommen hatte. So fing ich an, mich mit der Frage zu beschäftigen, was Rassismus eigentlich bedeutet.

Bernardi: Die Ausstellung wurde eigens für das Migros Museum realisiert. Inwiefern passt dieses Thema in die Schweiz?

Tanaka: Anfangs war ich mir nicht sicher, ob es das Richtige für die Schweiz oder Europa ist. Normalerweise wähle ich ein Thema, das gesellschaftlich oder historisch in der Gegend verwurzelt ist, so beispielsweise bei den Workshops zu gemeinschaftlichen Aktivitäten ganz unterschiedlicher Gruppierungen im Rahmen der Skulptur Projekte Münster 2017. Allerdings etablieren sich in Europa fortlaufend rechtspopulistische Parteien, die eine rassistische oder xenophobe Haltung an den Tag legen. Die Situation der Zainichi-Koreaner in Japan ist eines von vielen Beispielen für Diskriminierung und soziale Ungerechtigkeit – entsprechend ist das Thema auch für die Schweiz relevant.

Verwundbare Erzähler

Bernardi: Fändest du es wichtig, die Ausstellung auch in Japan zu zeigen?

Tanaka: Auf jeden Fall. Allerdings gehen öffentliche Institutionen selten das Risiko ein, etwas zu zeigen, das kontrovers sein könnte.

Bernardi: Ist das nicht Vorzensur?

Tanaka: Ja, das ist es. Letztes Jahr sollte im Museum of Modern Art in Gunma eine Installation des japanischen Künstlers Shirakawa Yoshio ausgestellt werden. Seine Arbeit beschäftigt sich mit einem Monument, das der Zwangsarbeit koreanischer Arbeitskräfte während des Zweiten Weltkriegs gewidmet ist. Kurz vor der Eröffnung entschied sich das Museum, die Installation zu entfernen. Der Grund war ein offener Gerichtsfall um das Monument. Dieses wurde 2004 in Takasaki gebaut, einer Stadt der Präfektur Gunma. 2014, als das Monument neu genehmigt werden sollte, plädierten nationalistische Parteien der Präfektur für seine Entfernung. Darauf protestierten die Einwohnerinnen und Einwohner, was ein Verfahren beim Maebashi District Court zur Folge hatte. Zwischenzeitlich wurde die Entfernung des Monuments vom Gericht abgelehnt.

Bernardi: In deinen Notizen über die Ausstellung schreibst du über den Begriff «vulnerable narrator», verwundbarer Erzähler. Welche Bedeutung hat der Begriff?

Tanaka: Ich frage mich oft: Habe ich das Recht, über eine Situation zu sprechen, von der ich nicht direkt betroffen bin? Schliesslich gehöre ich nicht zur Minderheit der Zainichi-Koreaner. Dafür könnte man mich kritisieren oder befürchten, dass ich eine opportunistische Haltung gegenüber dem Thema habe. Wie übernehmen wir also Verantwortung für eine Situation, die nicht die unsere ist, uns aber doch betrifft?

Bernardi: Inwiefern sind die zwei Protagonisten «vulnerable narrators»?

Tanaka: Sie setzen sich der Öffentlichkeit aus und müssen irgendwie die Gemeinschaft repräsentieren, aus der sie stammen. Dies kann insbesondere bei wenig homogenen Minderheiten wie die der Zainichi-Koreaner schwierig sein. Dieser Konflikt wird in der letzten Szene ersichtlich, als Woohi darüber spricht, wie sehr sich das einheimische Koreanisch von ihrem Zainichi-Koreanisch unterscheidet. Sie schämte sich für ihren Dialekt, versuchte sich denjenigen Koreas anzueignen und fing an, sich selbst zu verleugnen.

Verletzliche Geschichten

Bernardi: Der Begriff kommt auch im Titel deiner Ausstellung vor. Inwiefern sind die Erzählungen der Protagonisten oder auch die Geschichte einer Minderheit «vulnerable histories»?

Tanaka: Die Geschichte von Minderheiten ist sehr komplex und für Aussenstehende meist schwierig zu verstehen. Entsprechend wird von den Betroffenen erwartet, dass sie diese erklären. Doch auch das ist schwierig, denn es gibt keine universelle oder allgemeingültige Erklärung, die auf jede oder jeden zutrifft. Eine Geschichte besteht letztendlich immer aus vielen verschiedenen Perspektiven, die man aber nie ganzheitlich betrachten kann.

Bernardi: Wie hast du die beiden Protagonisten ausgewählt?

Tanaka: Ich wollte einen Protagonisten, der zainichi-koreanischer Abstammung ist. Doch die Suche gestaltete sich nicht einfach: Viele Zainichi-Koreaner versuchen ihre Identität innerhalb der japanischen Gesellschaft zu verbergen, indem sie beispielsweise ihren japanischen und nicht ihren koreanischen Namen benutzen. Ausserdem habe ich jemanden gesucht, der dazu bereit ist, über seine Erfahrungen zu sprechen, der aber gleichzeitig noch keine definierte Meinung hat und noch rauszufinden versucht, mit was er zu kämpfen hat. Ich denke, dass eine offene Haltung für Aussenstehende zugänglicher ist. Woohi habe ich dann rein zufällig kennengelernt. Während der Dreharbeiten versuchte sie, ein angesprochenes Thema jeweils aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Das schätze ich sehr.

Bernardi: Wie hast du Christian kennengelernt?

Tanaka: Ich habe das Migros Museum darum gebeten, jemanden zu finden, der japanischer Abstammung ist, aber doch eine gewisse Distanz zum Land hat und die Perspektive eines Aussenstehenden mitbringt. Dies widerspiegelt auch meine persönliche Situation, da ich lange im Ausland gelebt habe. Ausserdem recherchiere ich für ein Folgeprojekt gerade über die japanische Einwanderungsgeschichte. Da Christian japanisch-amerikanische Wurzeln hat, ist er der perfekte Protagonist dafür.

Bernardi: Ist «Ausstellung» eigentlich der geeignete Begriff für dein Projekt?

Tanaka: Ich würde es eher als filmisch-räumliche Erfahrung beschreiben, vielleicht auch als soziales Experiment. Man läuft durch den Raum, erfährt anhand der verschiedenen Videos, aber auch anhand der Fotografien die persönliche Geschichte der Protagonisten und tritt gedanklich in einen Dialog mit ihnen.

Bernardi: Wieso hast du die Geschichte der Protagonisten in sieben Videos aufgeteilt? Hätte man sie nicht auch in einem einzigen Film zeigen können?

Tanaka: Bei verschiedenen Videos können die Besucherinnen und Besucher wählen, wie lange sie bleiben und wann sie zur nächsten Aufnahme übergehen möchten. Es besteht nicht dieser unbewusste Zwang, ein Video bis zum Ende zu schauen, wie es beispielsweise im Kino der Fall ist. Weil die Geschichte mehrfach fragmentiert ist – die verschiedenen Videos oder auch die Fotografien aus der Kindheit der Protagonisten –, gibt es dem Publikum mehr Raum für eigene Überlegungen und die Möglichkeit, mit Freundinnen und Freunden darüber zu sprechen, die vielleicht andere Ausschnitte gesehen haben.

Die Rolle von Live-Speakern

Bernardi: Für die Interaktion sind ja auch die sogenannten Live-Speaker zuständig, die während der Ausstellung anwesend sind.

Tanaka: Mir lag nichts an einer konventionellen Ausstellung, ich wollte das Projekt aktiv gestalten. Die Besucherinnen und Besucher haben die Möglichkeit, mit den Live-Speakern über das Thema oder über ihre persönlichen Erfahrungen zu sprechen.

Bernardi: Warum eignet sich Kunst dazu, soziale Ungerechtigkeit zu thematisieren?

Tanaka: Ich glaube, dass Kunstschaffende die Fähigkeit haben, mit der Gesellschaft zu interagieren, Fragen zu stellen oder Verbesserungsvorschläge zu machen. Kunst wird heute und morgen vielleicht nichts verändern können: Die Themen, die wir heute besprechen, mögen morgen vergessen sein. Doch ich glaube, dass Kunst den Kern eines Problems für spätere Generationen zugänglich machen und dafür sorgen kann, dass dieser verstanden wird.

Giulia Bernardi ist freie Journalistin, Texterin und Kunsthistorikerin. giulia.bernardi@outlook.com

Bis 
11.11.2018

Koki Tanaka (*1975, Tochigi) lebt in Kyoto

2002–2005 Master of Fine Arts an der Tokyo University of the Arts
2005–2006 Artist in Residence im Le Pavillon, Palais de Tokyo, Paris
2013 Auszeichnung ‹Special Mention as National Participation›, La Biennale di Venezia
2015 Auszeichnung ‹Artist of the Year›, Deutsche Bank

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Provisional Studies (Working Title)›, Kunsthaus Graz
2016 ‹Provisional Studies: Action #5 Conceiving the Past, Perceiving the Present›, The Showroom, London; ‹Possibilities for being together. Their praxis.›, Art Tower Mito
2015 ‹A Vulnerable Narrator›, Deutsche Bank KunstHalle, Berlin
2013 ‹Abstract Speaking – Sharing Uncertainty and Collective Acts›, La Biennale di Venezia

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Skulptur Projekte Münster 2017›, Münster; ‹Viva Arte Viva›, La Biennale di Venezia; ‹Action!›, Kunsthaus Zürich; ‹Japanorama. Nouveau regard sur la création contemporaine.›, Centre Pompidou-Metz
2016 Provisional Studies: Action #6 1985 School Students’ Strike›, Liverpool Biennial
2014 ‹Positions›, Van Abbemuseum, Eindhoven; ‹Journal›, Institute of Contemporary Arts, London

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Koki Tanaka 25.08.201811.11.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Koki Tanaka

Werbung