Norbert Bisky — Familienbande

Norbert Bisky · Langmatt, 2018, Öl auf Leinwand, Privatsammlung Bamberg © ProLitteris. Foto: Bernd Borchard

Norbert Bisky · Langmatt, 2018, Öl auf Leinwand, Privatsammlung Bamberg © ProLitteris. Foto: Bernd Borchard

Besprechung

Familie hat man, sie kann nicht aufgekündigt werden. In der Badener Langmatt geht der aus der DDR stammende und heute in Berlin lebende Künstler Norbert Bisky dieser These nach und transformiert das Fotoarchiv der Familie Brown in einen knalligen Bilderreigen. Keine Idylle.

Norbert Bisky — Familienbande

Baden — Es muss wunderbar gewesen sein, damals im Park der Villa Langmatt, als die drei Buben der Industriellenfamilie Brown über die Wiesen tollten und unten beim Pool einander ins Wasser schubsten. Hundert Jahre später steht der Garten allen Menschen offen. Eine Mama parkt den Kinderwagen vor der Veranda und der Papa schnallt das Baby ins Tragetuch vor die Brust. Familienidylle. Drinnen vor der Bibliothek lacht einem dann ein Junge mit wildem Haar entgegen. Norbert Biskys Gemälde bezieht sich auf in der Vitrine platzierte Fotos der Browns. Zu sehen sind: ein ebenso hübscher Bub mit verschränkten Armen, pubertäre Jungs in sexy Badehosen und eine Mutter mit zwei kleinen Söhnen – Aufnahmen, die auf eine sorglose Kindheit schliessen lassen. Norbert Bisky (*1970), aufgewachsen in der DDR und später Meisterschüler von Georg Baselitz in Berlin, hat das Fotoarchiv der Browns gesichtet und in eine Gemäldegalerie transformiert. Erst schmücken Strandszenen – etwa ein Papa, der sein Bübchen in die Luft wirft – die Bibliothek. In der grossen Galerie erfährt die latent homoerotische Stimmung auf den historischen Fotos konkreten Niederschlag: Bisky malt drei Jungs, die sich leidenschaftlich küssen. Ein weiteres Gemälde mit einer Mutter, die ihren Buben an die Brust drückt, spricht Bände. Geborgensein sieht anders aus. Buben im Sonntagsstaat schweben über der bunten Villa Langmatt, beobachtet von einer weiblichen Gestalt im Schatten eines Baums. Über allem hängt ein azurblauer Himmel. Bei der Fortsetzung des Rundgangs kippt die Stimmung -brachial. Wölfe zerfleischen sich, ein junger Mann hängt an einem Strick, eine Transgender-figur mit Heiligenschein hält einen Hund im Arm und ein Toter schwebt horizontal im Weltall. Bisky dekliniert alle möglichen Daseinsformen junger Menschen durch – surreal, expressiv und manchmal auch an der Grenze zum Kitsch. «Sozialistische Ästhetik der DDR, gemischt mit der Pop-Art des Westens» schrieb die ‹Zeit› einst über den gefeierten Newcomer. Die Gemälde in der Langmatt erzählen von Momenten des Familienglücks, aber auch von persönlichen Katastrophen. Hat man die Familie auf ewig? «Irgendwann baust du dir deine Lebensfamilie neu zusammen», sagt Bisky, Sohn aus nie ganz geklärten Stasi-Verhältnissen. Die Familienbilder in der Langmatt haben mehr mit ihm selbst zu tun als mit den Browns. Kein Idyll.

Bis 
09.12.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Norbert Bisky – Fernwärme 02.09.201809.12.2018 Ausstellung Baden
Schweiz
CH
Künstler/innen
Norbert Bisky
Autor/innen
Feli Schindler

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