Asta Gröting — Where do you see yourself in 20 years?

Asta Gröting · Where do you see yourself in 20 years?, Ausstellungsansichten Kunsthaus Centre d’art Pasquart 2019, © ProLitteris. Courtesy carlier | gebauer. Fotos: Lia Wagner

Asta Gröting · Where do you see yourself in 20 years?, Ausstellungsansichten Kunsthaus Centre d’art Pasquart 2019, © ProLitteris. Courtesy carlier | gebauer. Fotos: Lia Wagner

Asta Gröting · Where do you see yourself in 20 years?, Ausstellungsansichten Kunsthaus Centre d’art Pasquart 2019, © ProLitteris. Courtesy carlier | gebauer. Fotos: Lia Wagner

Asta Gröting · Where do you see yourself in 20 years?, Ausstellungsansichten Kunsthaus Centre d’art Pasquart 2019, © ProLitteris. Courtesy carlier | gebauer. Fotos: Lia Wagner

Besprechung

Mit multimedialen, anatomischen Plastiken, Skulpturen und Installationen thematisiert Asta Gröting verdrängtes, existenzielles Ausgesetztsein. Während sie physische, seelische und emotionale Vorgänge offenlegt, spürt sie in aufwendigen skulpturalen Prozessen architektonischen und historischen Spuren nach.

Asta Gröting — Where do you see yourself in 20 years?

Biel — Auf dem Boden der Galerie Passage weisen zwei überdimensionale bronzene Füsse mit darin steckenden Turnschuhen auf die Ausstellung in der Salle Poma des Kunsthauses Pasquart hin. Sie sind Auguste Rodins Plastik der Bürger von Calais nachgebildet, die sich gemäss der Chronik von Jean Froissart freiwillig als Geiseln zur Verfügung stellten, um der bedingungslosen Kapitulation und damit der Plünderung und Zerstörung von Calais während des Hundertjährigen Kriegs zu entgehen. Mit ‹The Feet of Eustache de Saint Pierre›, 2015, fragt Asta Gröting (*1961) nach der sozialen Verantwortung damals wie heute, worauf auch der Ausstellungstitel anspielt. In den Galerien geht es ans Eingemachte, so, wenn die deutsche Künstlerin einen Darm aus Silikon anatomisch richtig auf den Boden legt, Nervenbahnen von Händen aus Holz schnitzt oder einen Schlafsack so drapiert, dass er sowohl das Schützende als auch das Ausgesetztsein suggeriert und nebenbei auf das kunsthistorische Motiv liegender nackter Frauenfiguren hinweist. Brachial und eindrücklich kommen die Abformungen von Fassaden in Berlin-Mitte daher, die noch deutliche Einschusslöcher zeigen. Der Abformungsprozess mit Silikon funktioniert wie eine fotografische Langzeitbelichtung. Die Objekte scheinen die vom Krieg gezeichneten Gesichter wiederzugeben, zumal man von hinten durch die Löcher in die Welt blickt. So schälen die Fassaden die sich in ihnen ablagernden Zeitschichten heraus. Mit ­dieser Serie kämpft Asta Gröting gegen die Verdrängung der Geschichte, die sich auch darin äus­serte, dass die beschädigten Häuser möglichst schnell durch neue Bauten ersetzt werden. Ein wenig wird man an die «Raumhäutungen» der Plastikerin Heidi Bucher aus den Siebzigern erinnert. Im Prozess des Häutens lebte sie den schmerzvollen Prozess der Loslösung von Konventionen und anderen Zwängen nach. Während Bucher auf ihrer Selbstsuche Schichten von Kautschukmasse in Räumen auftrug und anschlies­send ablöste, kam das Innere, das Verdrängte an die Oberfläche, wirkt doch der losgerissene Hautraum wie eine abgestorbene, von einem spukhaften Eigenleben erfüllte Larvenhülle. Im Vergleich dazu erstellt Asta Gröting eine Art von Autopsie über Intimität und gemahnt an den sprechenden Raum zwischen stummen Personen, sprich die Unfähigkeit des Menschen, über heikle Dinge zu kommunizieren, wenn sie in ‹Space Between Lovers/Unfolded›, 2008, den Raum zwischen einer Frau und einem Mann während des Geschlechtsakts mit Silikon abformt.

Bis 
24.11.2019
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Asta Gröting 22.09.201924.11.2019 Ausstellung Biel/Bienne
Schweiz
CH
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Asta Gröting

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