Das Grosse Rätsel - Goldene Eier

Tavurvur, Papua-Neuguinea. 27.7.2017. Foto: SH

Tavurvur, Papua-Neuguinea. 27.7.2017. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel - Goldene Eier

Schub um Schub dunkler Aschenerde wuchtet der Mann aus dem Loch, gräbt sich tiefer und tiefer in den Boden vor, mit der Schaufel erst, dann mit den blossen Händen, hastig und doch konzentriert. Schliesslich faltet er Kopf und Körper so in die Höhle hinein, dass er mit seiner Linken noch tiefer in den lockeren Boden greifen kann. Dann geht ein Zucken durch das Muskelnetz auf seinem Rücken, taucht sein Gesicht aus der Asche auf. Er lächelt triumphierend, schüttelt sich den Dreck von der Nase, zieht endlich vorsichtig die Hand heraus und hält zwischen seinen Fingern ein Ei, kein goldenes Ei, wie das von ... , mit dem die Welt beginnt, sondern ein ganz gewöhnliches, hellbraunes Hühnerei – auf den ersten Blick zumindest. Ich stehe am Fuss des Vulkans Tavurvur, dessen letzter Ausbruch im Jahr 1994 die Stadt Rabaul zerstörte, die Perle von Deutsch-Neuguinea. Um mich her sind zwei Dutzend weitere Männer damit beschäftigt, ähnliche Löcher auszuheben, das ganze Gebiet ist grau und wie von Riesenraupen zerfressen. Die Männer arbeiten meist zu zweit oder zu dritt, denn die Haufen brechen manchmal ein und begraben die Graber unter sich. Dann zählt jede Sekunde, denn die Aschenerde lässt keine Luft durch. Die gefährliche Suche hat ihren Grund in der Faulheit des Bismarckhuhns, das seine Eier nicht selbst ausbrüten mag, sondern sie lieber tief in der warmen Aschenerde verbuddelt. Wie es das macht, will mir hier keiner erzählen. Pro Tag und Team finden die Männer 20–40 Eier. Ihre Frauen verkaufen sie auf dem Markt, für einen Franken das Stück, viel Geld für ein Ei. Beim Kosten dann die Überraschung, bestehen die Eier doch zu 90% aus Dotter – pures Gold. Samuel Herzog

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

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Autor/innen
Samuel Herzog

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