Editorial — Masken und Melancholie

John Stezaker · Mask (Film Portrait Collage) CLXXIII, 2014, Collage 20 x 17,6 cm

John Stezaker · Mask (Film Portrait Collage) CLXXIII, 2014, Collage 20 x 17,6 cm

Editorial

Editorial — Masken und Melancholie

Die Frau wurde mit allem bedacht, was eine Filmdiva damals ­nötig hatte: strahlende Zähne, Lachgrübchen, faltenlose Haut. Doch mehr ist nicht zu erkennen. Einen Teil ihres Gesichts lässt der britische Konzeptkünstler John Stezaker hinter einer Maske verschwinden. Oder besser: hinter einer Postkarte. Auch darauf herrscht eitel Sonnenschein. Die Karte zeigt einen idyllischen Flecken in der Grafschaft Kerry zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo drei Jahrzehnte später der erste Nationalpark von ­Irland gegründet wurde. «Shooting the Rapids, Killarney» ist die Aufnahme beschriftet. Offenbar steuert ein Abenteurer das kleine Boot durch Stromschnellen unter einer grasbewachsenen Brücke hindurch. Es braucht nicht viel Fantasie, um den Doppelbogen mit der abgedeckten Augenpartie der Hollywood-Beauty gleichzusetzen. Und während wir in diese gemauerten Augenhöhlen schauen, blitzen zahlreiche Assoziationsstränge auf. Ein Zeitsprung katapultiert uns von diesem beschaulichen Bootsausflug zum heutigen gischtumschauerten River­rafting. Eine andere Kette führt von der Maske zum maskenhaften Lächeln der Schauspielerin, deren Kerngeschäft es ja gerade ist, ohne Maske in alle möglichen Rollen zu schlüpfen. Oder zur ­Frage, was denn heute keine Maske sei, in einer Zeit, in der sich täglich neu zu definieren über den Beruf, die Freizeit­aktivitäten, Kleider, Kosmetik, den Lifestyle, Pflicht und Kür zugleich ist. Die abgescheuerten Ecken der Postkarte schliesslich machen deutlich, dass diese auf Karton gedruckt, beschrieben, von A nach B geschickt, aus dem Briefkasten gefischt, gelesen, aufgestellt und aufbewahrt wurde – eine Vorstellung, die angesichts der schnelllebigen Kommunikation über digitale Bilder nostalgische Gefühle weckt. Von der Nostalgie ist es nicht mehr weit zur Melancholie, und schon schaut uns aus den Brückenbogen ein Totenschädel entgegen. 

Autor/innen
Claudia Jolles
Künstler/innen
John Stezaker

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