Kaari Upson — Im Uterus der Vergangenheit

Kaari Upson · Mother’s Legs, 2018–2019, aus: Go Back the Way You Came, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel, 2019. Foto: Philipp Hänger

Kaari Upson · Mother’s Legs, 2018–2019, aus: Go Back the Way You Came, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel, 2019. Foto: Philipp Hänger

Besprechung

Kaari Upson lädt uns ein, die vergangenen Zonen unserer Kindheit aufzusuchen. ‹Go Back the Way You Came›, so der Titel ihrer ersten europäischen Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel. Geh hin, wo du herkommst. Dahin, wo es so richtig schön weh tut. Am Ende aber werden es Innenansichten im Kunstformat.

Kaari Upson — Im Uterus der Vergangenheit

Basel — Anfangs laufe ich in eine Gruppe junger Frauen, die sich angeregt über die hier ausgestellten Werke unterhalten – Kunstvermittlerinnen, wie ich vermute. «Alles aus einem Material ...», «Der Baum ...», streifen Satzfetzen mein Ohr. Ich stehe in ­einem Wald aus Beinen. 26 sehr grosse, von der Decke baumelnde ‹Mother’s Legs›, wie es im Ausstellungstext heisst. Im selben Text erfahre ich, dass besagter Baum einst vor dem Elternhaus der Künstlerin stand. Jetzt bilde er ein «Bindeglied» für alle hier zu sehenden Arbeiten. Real-­materiell, wie in Reminiszenz an die Schatten und den Schauer der Vergangenheit. ­Einen Raum weiter – ich lasse das Raunen meiner Kolleginnen hinter mir – begegne ich den leeren Blicken von sechs Frauenbüsten, aus Holz gefertigt. Tochter, Mutter und Grossmutter in einem. In den bunten Büstenbemalungen verwischen sich die Gesichtszüge dieser Ahnengalerie. Eine Art genealogisches Grusel­kabinett … Und weiter – hinein in den Uterus der Vergangenheit. Was folgt, sind vor allem Videos: vom Baum, von der Künstlerin und der zu ihrer Mutter geschminkten Künstlerin, die in ‹Night Splitter›, 2019, monologisierend, wispernd und auch mal schreiend durch die nächtliche Landschaft ihres alten Zuhauses irrt. Von der in ‹Prairie Fundamentalism›, 2019, in einer Badewanne stehenden Künstlerin, umwickelt von einer Folie, die sich von den umgebenden Kacheln löst. Und in ‹A Place For a Snake›, 2019, von alten Kinderzimmern, in denen du mit deiner besten Freundin stehst. Sie als du und du als sie – den Irrsinn der Kindheit dechiffrierend. Im letzten Raum der Schau dann: leichtes Ermüdetsein meinerseits. Trotz einleuchtender Begleiterklärungen über das «Unheimliche» im Heimatlichen. Und ohne auch nur ein Wort des US-amerikanischen Gekeifes zu verstehen, das unentwegt aus den Lautsprechern der Halle plärrt. Vor mir wasserbasierte Giessharzabgüsse von Dingen wie Baum und Badewanne. Einer dieser Abgüsse bildet den entkernten Stumpf des Baums nach. In dessen Mitte ein Schlitz, der wenig Deutungsspielraum jenseits von Vagina und regressiver Sehnsucht nach Rückkehr lässt. Und: das gänzlich absurde, sekundenlange Verlangen, mich im Stumpf des Baums zusammenzurollen. Dann aber frage ich mich, wohin der hier gezeigte, etwas egozentrierte Dauerloop des Vergangenen eigentlich führen soll. Von der Erkenntnis einmal abgesehen, dass unsere Geschichte – unfertige Subjekte, die wir sind – immer und überall mit uns ist. Und ich bin froh, gehen zu dürfen. Ziemlich sicher, dass das Gesehene wenig mit mir und viel mit dem Leben «der anderen» zu tun hat. 

Bis 
10.11.2019
Ausstellungen/Newsticker Datum Typabsteigend sortieren Ort Land
Kaari Upson 30.08.201910.11.2019 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Verena Doerfler
Künstler/innen
Kaari Upson

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