Marjetica Potrč — Von Kuppeln und Toiletten

Marjetica Potrč · Drop City Giant, 2012–2019, Baumaterialien, Kommunikationsinfrastruktur, H 330 x ø 340 cm. Courtesy Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm/Mexico City. Foto: Gerhard Krassner

Marjetica Potrč · Drop City Giant, 2012–2019, Baumaterialien, Kommunikationsinfrastruktur, H 330 x ø 340 cm. Courtesy Galerie Nordenhake, Berlin/Stockholm/Mexico City. Foto: Gerhard Krassner

Marjetica Potrč · The Elders, the Land and the Rest of Us, 2019, Tinte auf Papier, 56 x 76 cm. Courtesy Galerie Norden­hake, Berlin/Stockholm/Mexico City. Foto: Gerhard Krassner

Marjetica Potrč · The Elders, the Land and the Rest of Us, 2019, Tinte auf Papier, 56 x 76 cm. Courtesy Galerie Norden­hake, Berlin/Stockholm/Mexico City. Foto: Gerhard Krassner

Besprechung

Wie macht man aus einer «city of crisis» eine «city of hope»? Die slowenische Künstlerin und Architektin Marjetica Potrč beschäftigt sich schon lange mit einem «Design für das Leben». So auch in ihrer aktuellen Ausstellung ‹Von Kuppeln und Toiletten – Architektur und soziale Praxis sind eins›.

Marjetica Potrč — Von Kuppeln und Toiletten

Berlin — Die 1953 in Ljubljana geborene Marjetica Potrč stellt sich den Herausforderungen eines unter prekären Bedingungen geführten Lebens und entwickelt daraus Strategien für die Zukunft. Aus der Zusammenarbeit mit informellen Communities in der venezolanischen Hauptstadt, wo sie sich 2003 für ein halbes Jahr aufhielt, ist ihre ‹Caracas: Dry Toilet›, 2003–2019, hervorgegangen. Wasserengpässe bzw. das Nichtangeschlossensein an die städtische Kanalisation brachten sie auf den Gedanken, zusammen mit den Einwohnern ein Toilettenhäuschen zu konzipieren, das ohne Wasserzufuhr auskommt – und dabei sanitären wie ökologischen Ansprüchen genügt. Ausgestellt ist die inzwischen neunte Variante, die mit etwas Geschick nachgebaut werden kann. Von Buckminster Fuller inspiriert ist die geodäsische Kuppel ‹Drop City Giant›, 2012–2019, benannt nach der ländlichen Hippiekommune in Colorado. In Drop ­City dienten Mitte der Sechzigerjahre von Künstlern und Freunden aus Schrott und anderen gebrauchten Materialien konstruierte Domes erstmals als Behausung, in ­Berlin wurde nun eine Kuppel aus alten Verkehrsschildern realisiert. Potrč nennt ihre grossen Galerieinstallationen «architektonische Fallstudien» und begleitet sie jeweils durch eine Serie erzählerischer Zeichnungen, die den Gebrauch, aber auch den Entstehungszusammenhang illustrieren. Und erinnert darin u. a. an 1968, als, wie sie schreibt, das Zusammenleben jenseits des Individualismus erprobt wurde – ­«architecture and social architecture are one» –, bevor sich «die neoliberale Wolke» wie ein Schleier über die Gesellschaft legte. Vier verlorene Jahrzehnte lang. Eine andere, eigenständige Zeichnung, ‹The Elders, the Land and the Rest of Us›, 2019, verarbeitet Einsichten eines Australien-Aufenthalts. In grösserem Format, aber wiederum bilderbuchartigem Stil, stellt Potrč hier indigenes Wissen dem kapitalistischen Denken gegenüber. Ihre Aussage fällt eindeutig aus: Wir können von den Indigenen lernen, es verleiht uns die Kraft zur Transformation unseres eigenen Selbst. Scheinbar chaotische Selbstorganisationsfähigkeiten informeller Siedlungen und DIY-Bauen sind bereits im Architekturdiskurs angekommen, auf dem Land werden heute wieder alternative Wohnkonzepte erprobt. Und allmählich wird auch das indigene Wissen in unserer kriselnden Gesellschaft als strukturelle Ressource und Erneuerungskraft anerkannt: «The idea of the greater good is back again.» 

Bis 
16.11.2019
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Marjetica Potrč 07.09.201916.11.2019 Ausstellung Berlin
Deutschland
DE
Künstler/innen
Marjetica Potrc
Autor/innen
Miriam Wiesel

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