Matisse ­— Prozesse der Verwandlung

Henri Matisse · Nu couché de dos, 1944, Kohle auf Büttenpapier, 38,2 x 56,6 cm, Musée Matisse, Nizza © ProLitteris. Foto: François Fernandez

Henri Matisse · Nu couché de dos, 1944, Kohle auf Büttenpapier, 38,2 x 56,6 cm, Musée Matisse, Nizza © ProLitteris. Foto: François Fernandez

Henri Matisse · Nu couché I (Aurore), 1907, Bronze, 34,4 x 49,9 x 27,9 cm, The Baltimore Museum of Art: The Cone Collection © ProLitteris. Foto: Mitro Hood

Henri Matisse · Nu couché I (Aurore), 1907, Bronze, 34,4 x 49,9 x 27,9 cm, The Baltimore Museum of Art: The Cone Collection © ProLitteris. Foto: Mitro Hood

Besprechung

Matisse, ein Jahrhundertkünstler. Dass er auch ein bedeutender Bildhauer war, zeigt die Ausstellung ‹Matisse – Metamorphosen› im Kunsthaus Zürich. Wir, die Betrachterinnen und Betrachter, sind eingeladen, an der formalen Progression und schrittweisen Gestaltfindung Anteil zu nehmen.

Matisse ­— Prozesse der Verwandlung

Zürich — Den Satz nimmt man gern mit: dass «eine Skulptur uns einladen sollte, sie wie einen Gegenstand in die Hand zu nehmen». Jedenfalls eine Skulptur von Henri Matisse (1869–1954), eine seiner kleinen Skulpturen, wie sie typisch sind für den Beginn seines bildhauerischen Schaffens. Der Satz stammt von Matisse selbst, und der 38-Jährige, ein arrivierter Künstler, der eben seine eigene Kunstschule gegründet hatte, suchte diese Einsicht seinen Schülern zu vermitteln. Die grosszügig, mit ruhiger Eleganz und lichten Durchblicken eingerichtete Ausstellung im offenen Bührle-Saal kommt dem entgegen, indem sie die Skulpturen von allen Seiten erfahrbar macht. Zwar nur mit den Augen, dies aber fast immer aus unmittelbarer Nähe. So können wir angesichts der kleinen bis mittelgrossen Figuren und Köpfe und der vier überlebensgrossen Rückenakte teilhaben am Wechselspiel von einfühlender Nähe und abstrahierender Distanz und nachvollziehen, was der Bildhauer William Tucker zwanzig Jahre nach Matisses Tod so sah: «Die Skulpturen seien wie von Nahem gefühlt, aber von Weitem gesehen» (Kuratorin Sandra Gianfreda im Katalog). Auch wenn das plastische Werk von Matisse lediglich 84 Arbeiten zählt, von denen gut die Hälfte in Zürich zu sehen sind, spielt es eine insgesamt bedeutende Rolle, nicht nur wegen der fruchtbaren Wechselwirkung mit seinem malerischen Œuvre: Es erlaubte ihm eine andere Form von Eindringlichkeit und Identifikation mit dem Modell. Eine andere Form von Körperhaftigkeit, von Form und Haltung, der Geometrisierung von Körpern, von Volumen, deren Energie den Raum auflädt. Skulpturen, fast ausschliesslich weibliche Darstellungen, zumeist in Bronze gegossen, Gemälde und Arbeiten auf Papier: Über siebzig Werke sind es, die zusammen mit einer Fülle aufschlussreicher historischer Fotografien – Lebensdokumente und «Beweisstücke», Aktfotografien als Vorlagen, Zustandsfotografien vor allem von Gemälden –, afrikanischen Kunstwerken als Inspirationsquellen und dem Film von François Campaux (1946) ein reiches Matisse-Bild vermitteln. Formale Progression heisst dabei das Zauberwort und zeigt, wie weit Matisse mit seinem geradezu konzeptuellen Ansatz vielen seiner Zeitgenossen voraus war. Die Ausstellung nimmt uns mit auf einen Weg, der uns den Prozess der Verwandlung vor Augen führt und den Aspekt des Zeitlichen miteinbezieht – den Schöpfungsprozess als Teil des Werks begreifbar macht. Eine Schau von durchdringender Lebendigkeit, bei der man ganz still wird.

Bis 
08.12.2019

→ ‹Matisse – Metamorphosen›, Kunsthaus Zürich, bis 8.12.; mit attraktivem, fein gestaltetem Katalog, Scheidegger & Spiess ↗ www.kunsthaus.ch

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Matisse - Metamorphosen 30.08.201908.12.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass
Künstler/innen
Henri Matisse

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