Pickpocket — Im blinden Fleck

Philippe Queloz · Ronde de nuit, 2015–2019, mit Taschenlampen belichtete Fotogramme, je 96 x 98,5 bis 130 x 130 cm (gerahmt), Ausstellungsansicht Kunst Raum Riehen. Foto: Moritz Schermbach

Philippe Queloz · Ronde de nuit, 2015–2019, mit Taschenlampen belichtete Fotogramme, je 96 x 98,5 bis 130 x 130 cm (gerahmt), Ausstellungsansicht Kunst Raum Riehen. Foto: Moritz Schermbach

Besprechung

Die Ausstellung ‹Pickpocket› im Kunstraum Riehen beleuchtet die Figur des Diebes in ihren vielfältigen Eigenschaften und befragt dabei ihre Nähe zur Kunst. Eigentum ist Diebstahl. Der Sieg reist in Louis Vuitton. – Wenn der folgende Beitrag wie dieser Vorspann aus fremden Sätzen bestehen würde, wäre er konsequent …

Pickpocket — Im blinden Fleck

Basel/Riehen — Regel Nummer 1: Nie innehalten. Das erklärt der Taschendieb im Video ‹L’école des pickpockets›, 2000, von Sven Augustijnen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Handwerk, dessen Kunst es gerade ist, den blinden Fleck zu suchen, ja zu produzieren. Den gegenteiligen Moment, den Lichtkegel, der ins Dunkle dringt, findet man bei Philippe Queloz: Auf den mit Taschenlampen bestrahlten Fotopapieren der Serie ‹Ronde de nuit›, 2015–2019, sind Augenblicke der Beleuchtung negativ fixiert. Wie geht es, dass die unbelichteten von den belichteten Bereichen so scharf unterschieden sind? Hat Queloz Hilfsmittel benutzt, abgesehen vom Stativ? Die nach Spuren Forschende findet sich in Carlo Ginzburgs (unschmeichelhaftem) Vergleich von Giovanni Morelli und Sigmund Freud mit Sherlock Holmes wieder. Diesen zitiert Donatella Bernardi in einer Broschüre, die neben einer Vitrine  mit zwei in 3D gedruckten Ohren aufliegt. Während das eine Ohr ein ideales sein soll, das aus Sandro Botticellis Hand stammt, bildet das andere die Reste ab, in die das Ohr des entführten John Paul Getty III 1973 zerschnitten wurde; was das Familienvermögen indes nicht wesentlich schmälerte, zu dem heute die Bildagentur Getty Images gehört. Identität und Besitzansprüche erscheinen auch in Axelle Stiefels raumspezifischer Installation ‹Vilains, Vilaines› untrennbar verwoben. Sie kombiniert eine Projektion aus im Internet gefundenen Bildern mit selber gestickten Monogrammen. Ob «DHL» und «LV» Mädchennamen bedeuten, die nach der Heirat abgelegt werden oder den deutschen Postdienst und die Marke ­Louis Vuitton, bleibt offen. Die vier Spotlights auf das Thema des Stehlens werden im Kabinett definitiv in Streulicht gebrochen, nämlich durch zwölf weitere Positionen und einen vom Verleger Christophe Daviet-Thery bestückten Büchertisch. Wer sind die bösen Jungs und ungezogenen Mädchen, die Vilains und Vilaines? Die Künstler, die mit Bildern von anderen arbeiten, wie Richard Prince mit auf Instagram «gefundenen» Fotografien? Agenturen wie Getty Images, die Bildrechte bewirtschaften? Eine Antwort geben ­etwa Abbie Hoffmans ‹Steal This Book›, 1971, ein Bestseller der Gegenkultur, und David Horvitz’ ‹How To Shoplift Books›, 2019, die (noch?) auf dem Büchertisch liegen. Art & Language schliesslich sah 1983 ebenfalls eine Parallele zwischen Künstlerin und Kriminellem: Beide verfolgen flüchtige Aktivitäten und lenken den Blick dorthin, wo Bedeutung im selben Moment verschwindet.

Bis 
03.11.2019

→ ‹Pickpocket›, Kunst Raum Riehen, bis 3.11.; Gespräch mit Donatella Bernardi, 31.10., 18.30 Uhr ↗ www.kunstraumriehen.ch

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Kunst Raum Riehen Schweiz Basel/Riehen
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Pickpocket 14.09.201903.11.2019 Ausstellung Basel/Riehen
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