Teresa Chen ­— Erstarrte Schönheit

Teresa Chen · Insect Drawers #5, 2019, Pigmentdruck, 65 x 75 cm

Teresa Chen · Insect Drawers #5, 2019, Pigmentdruck, 65 x 75 cm

Besprechung

Seit eineinhalb Jahren hält die entomologische Sammlung der ETH Zürich Teresa Chen in Bann. Die Künstlerin fotografierte 200 der etwa 7000 im universitären Besitz befindlichen Schaukästen, und sie eignete sich umfassende Fachkenntnisse an – über ein Reich der Schönheit, das verschwindet.

Teresa Chen ­— Erstarrte Schönheit

Zürich — Wer heute über die Autobahn fährt, durchquert weitgehend insektenfreie Räume. Mussten die klebrigen kleinen Tiere früher aufwendig von der Windschutzscheibe abgewaschen werden, ist das heute kaum noch notwendig. So sehr man sich über diesen Tatbestand freut, so sehr wird er überschattet vom Wissen um die verheerenden Folgen des Insektensterbens. Teresa Chens (*1963) Zuwendung zu ­Käfern, Schaben und Motten ist allerdings weniger im ökologischen Bereich begründet. Es ist die morbide Schönheit der kleinen Geschöpfe, die sie fasziniert. Das, was im ­Leben kribbelt und krabbelt, was uns zart und schön umfleucht, aber auch stechen und plagen kann, was weghuscht und sich entzieht – das ist in den Schaukästen der Sammlung fein säuberlich stillgestellt, die kleinen Körper sind ausgespreizt und von einer Nadel durchstochen. Schillernde Panzerchen, von Adern durchbrochene Flügel, Beine, deren viele Gelenke von hoher Sprungkraft zeugen – das alles kann man nun in Ruhe betrachten. Schönheit und mit ihr einhergehende Zwänge und Zuschreibungen haben die in Zürich lebende, in den USA geborene Künstlerin chinesischer Abstammung von Beginn an interessiert – sei es in Form des zerstörerischen Begehrens, sich (selbst) westlichen Schönheitsidealen anzupassen; sei es in der Verkörperung der ‹Madame Butterfly› als europäischem Konstrukt exotisch tragischer Weiblichkeit. Von der Suche nach Schönheit und Glück, verbunden mit Anpassung, zeugen auch die frühen, in Amerika entstandenen Familienfotos, auf denen sich die Familie Chen stets lächelnd um den Weihnachtsbaum herum präsentiert. Auch die Schaukästen der ETH-Sammlung führen präparierte Schönheit vor. Die Tierchen, die uns in lebendiger Form eher stören als erfreuen, sind hier als tote Anschauungsobjekte verfügbar gemacht. Man kann ihre bizarren Körper bestaunen, zugleich die Schaukästen selbst als Bilder sehen, als kuratierte Ausstellungen, in denen die Insekten mal didaktisch, mal in gleichsam militärischer Ansammlung arrangiert sind. Die ETH digitalisiert und modernisiert ihre Bestände. Die alten Kästen werden ersetzt und neue Präsentationsordnungen definiert. Nicht nur die lebendigen Organismen sterben – auch ihre Repräsentationsmodelle verschwinden. Viele der Kästen, welche die Künstlerin fotografiert hat, existieren so nicht mehr. Neben den Fotos zeigt Teresa Chen vier Kästen, in denen die einstigen Sammler (zudem vier Sammlerinnen) nun selbst durchstochen werden. 

Bis 
16.11.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Teresa Chen 02.11.201916.11.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Teresa Chen
Autor/innen
Brita Polzer

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