United by AIDS — Kissing Doesn’t Kill

Donald Moffett · He Kills Me, 1987, Lithographie, Courtesy Marianne Boesky Gallery, New York/Aspen

Donald Moffett · He Kills Me, 1987, Lithographie, Courtesy Marianne Boesky Gallery, New York/Aspen

Carlos Motta · Legacy, 2019, 1-Kanal-Video, Courtesy Mor Charpentier Galerie, Paris

Carlos Motta · Legacy, 2019, 1-Kanal-Video, Courtesy Mor Charpentier Galerie, Paris

Besprechung

In den Achtzigerjahren wurde lange über Aids geschwiegen, ­Ignoranz und Vorurteile waren die Folge. «Doch heute ist alles anders!», sagen wir und klopfen uns wohlwollend auf die Schulter. Ist es das tatsächlich? Diese unbequeme Frage stellt die Ausstellung ‹United by AIDS› im Migros Museum.

United by AIDS — Kissing Doesn’t Kill

Zürich — «New Homosexual Disorder Worries Health Officials» lautete eine Schlagzeile der New York Times aus dem Jahr 1982. Diese verdeutlicht, wie Aids – oder das «gay-related immunodeficiency syndrome», wie es damals genannt wurde –, marginalisierten Gruppen zugeschrieben wurde: Homosexuelle, Drogensüchtige oder Sexarbeiterinnen und -arbeiter liefen Gefahr, sich mit dem Virus zu infizieren. Entsprechend lange wurde über Aids geschwiegen – schliesslich betraf es ja nicht alle. Als Ronald Reagan erstmals öffentlich über Aids sprach – das war 1987 –, waren bereits über eine Million Amerikanerinnen und Amerikaner davon betroffen. Die Stigmatisierung der Krankheit wird aktuell in der Ausstellung ‹United by AIDS› im Migros Museum thematisiert. Darin vertreten sind Arbeiten wie ‹Kissing Doesn’t Kill› des aktivistischen Kollektivs Gran Fury. Das Video war eine Reaktion auf die gesellschaftliche und politische Ignoranz der Achtzigerjahre und versuchte Vorurteile rund um die Übertragung von Aids abzubauen. Und heute, fast fünfzig Jahre später, haben wir aus der Vergangenheit gelernt. Haben wir? Dieser Frage widmen sich zeitgenössische Positionen der Ausstellung, darunter ‹Legacy› von Carlos Motta (*1978, Bogota). In seiner Video-Performance rezitiert der kolumbianische Künstler historische Ereignisse rund um das Thema Aids, die ihm ein Voice-over vorspricht. Doch das Nachsprechen ist schmerzvoll, denn ein Mundspreizer öffnet ihm das Maul. Motta ächzt und stöhnt, kneift seine Augen zusammen, seine Worte verkümmern zu unverständlichen Lauten; seine Zunge schlägt ruckartig vor und zurück, während der Speichel in langen, zähflüssigen Fäden aus seinem Mund tropft. Einerseits stellen sich die Fragen: Wer schreibt die Geschichte? Wer übermittelt sie? Was davon bleibt in Erinnerung und was davon geht vergessen? Andererseits wird der exponierte Schmerz mit Ekel assoziiert – ähnlich, wie es bei Aids geschah. Haben wir also aus der Vergangenheit gelernt, wenn in den Südstaaten noch immer Tausende Menschen an den Folgen von Aids sterben, weil sie nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind? Dies geschieht, während Donald Trump Forschungsinstitutionen die Gelder streicht und verkündet: «We will eradicate Aids in America once and for all and we are very close!» So scheint der Aufruf von Gran Fury heute nicht weniger aktuell als damals: «Kissing Doesn’t Kill: Greed and Indifference Do.»

Bis 
10.11.2019
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ortabsteigend sortieren Land
United by AIDS 31.08.201910.11.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Donald Moffett
Carlos Motta

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