Zeit/Ge/Schichten — Das Inakzeptable akzeptieren

Maja Bajević · Liberté pour les libres, Egalité pour les égaux, Fraternité pour les frères, 2016 © ProLitteris, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Maja Bajević · Liberté pour les libres, Egalité pour les égaux, Fraternité pour les frères, 2016 © ProLitteris, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Dorian Sari · A&a, 2019, Videostill

Dorian Sari · A&a, 2019, Videostill

Besprechung

Wer die Macht hat, schreibt die Geschichte. Jene Geschichte, welche die Machtverhältnisse präserviert und für kommende Generationen perpetuiert. In der Gruppenausstellung ‹Zeit/Ge/Schichten› im Kunsthaus Baselland legen 13 Künstlerinnen und Künstler diesen Mechanismus offen.

Zeit/Ge/Schichten — Das Inakzeptable akzeptieren

Basel — «Liberté pour les libres. Égalité pour les égaux. Fraternité pour les frères». Diese Sätze leuchten uns in grellem Neonlicht entgegen. Wem ist Freiheit vorbehalten? Wem wird sie vorenthalten? Und wer trifft die Entscheidung darüber? Die Fragen nach Macht- und Geschlechterverhältnissen, die Maja Bajevic (*1967, Sarajevo) in dieser Installation impliziert, werden in ihrer Video-Performance, die im selben Raum zu sehen ist, explizit formuliert. «How do you want to be governed?», fragt ein Mann sie mit tiefer Stimme. Bajevic antwortet ihm nicht, starrt regungslos in die Kamera, währenddessen der Mann ihr paternalistisch in die Backe kneift, sie schubst, sie an den Haaren reisst und ihr wiederholt dieselbe Frage stellt: How do you want to be governed? How do you want to be governed? Doch jenen Machtmissbrauch, der uns bei dieser Performance schockiert, nehmen wir im Alltag oft nicht wahr. Weil wir ihn zu wenig ernst nehmen, weil wir ihn zu sehr verharmlosen. Bis auf einmal diskriminierend-sexistische Sätze an der Wand prangen, wobei die werberische Ästhetik der Leuchtschrift verrät: Sie sind unlängst salonfähig geworden. Wie das Inakzeptable plötzlich akzeptabel werden kann, thematisiert auch ­Dorian Sari (*1989, Izmir) in seinem Video ‹A&a›. Darin ringen zwei Männer miteinander, beide nackt, beide überzeichnet; doch der eine ist dem anderem weitaus überlegen. Während einer der Protagonisten gross und muskulös ist, ist der andere klein und schmächtig. Mit tierisch anmutenden Lauten hebt der grössere Mann den kleineren hoch, wirbelt ihn umher, wirft ihn auf den Boden, stellt ihn bloss und zelebriert seine eigene Überlegenheit: Er gibt ein grunzend-groteskes Lachen von sich, hebt die Arme und spannt dabei seine Muskeln an. Der grössere Mann ist so überzeichnet, dass ihn seine vulgären Laute, seine proletenhaften Bewegungen schon fast etwas drollig wirken lassen. So schmunzeln wir plötzlich über die Ungerechtigkeit, über die klare Hierarchie von Über- und Unterlegenem, die uns vor Augen geführt wird. Und genau da wollte uns Dorian Sari vielleicht haben: Indem wir über jenen Machtmissbrauch lachen, der uns bei Bajevic noch so schockiert hat, vergessen wir, dass wir ihn damit verharmlosen, ihn seiner Ernsthaftigkeit, seiner Dringlichkeit berauben. Wir normalisieren ihn und sind selbst an jeder Geschichtsschreibung beteiligt, die das Inakzeptable akzeptabel macht. 

Bis 
10.11.2019
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Kunsthaus Baselland Schweiz Basel/Muttenz
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Zeit/ge/schichten 13.09.201910.11.2019 Ausstellung Basel/Muttenz
Schweiz
CH
Künstler/innen
Maja Bajevic
Dorian Sari
Autor/innen
Giulia Bernardi

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