Julian Charrière — Die Erzählung der Welt aus dem Stein

Not All Who Wander Are Lost, 2019, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2019, MASI Lugano © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Not All Who Wander Are Lost, 2019, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2019, MASI Lugano © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Empire, 2019, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau ­ © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Empire, 2019, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau ­ © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

We Are All Astronauts, 2013, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

We Are All Astronauts, 2013, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Towards No Earthly Pole – Vostok (o.), Horseshoe (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris    

Towards No Earthly Pole – Vostok (o.), Horseshoe (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris    

Towards No Earthly Pole – Vostok (o.), Horseshoe (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris    

Towards No Earthly Pole – Vostok (o.), Horseshoe (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris    

Towards No Earthly Pole – Totten (o.), Concordia (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris

Towards No Earthly Pole – Totten (o.), Concordia (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris

Towards No Earthly Pole – Totten (o.), Concordia (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris

Towards No Earthly Pole – Totten (o.), Concordia (u.), 2019, Archival pigment prints © ProLitteris

Tropisme, 2014, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Tropisme, 2014, Ausstellungsansicht ‹Towards No Earthly Pole›, 2020, Aargauer Kunsthaus, Aarau © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Julian Charrière. Foto: Johannes Förster

Julian Charrière. Foto: Johannes Förster

Towards No Earthly Pole, 2019, 4k Farbfilm, 32:9, 14.2 Ambisonics Sound, 104’30’’ © ProLitteris

Towards No Earthly Pole, 2019, 4k Farbfilm, 32:9, 14.2 Ambisonics Sound, 104’30’’ © ProLitteris

Fokus

Liebevoll ist Julian Charrière unserem Globus zugewandt. Was nicht heisst, dass er auf grosses Geschütz verzichtet. Eine ­Kanone aus seinem Berliner Studio ist auf dem Weg zur ersten Antarktis-Biennale 2017 konfisziert worden – mitsamt Munition aus bleiverschalten Kokosnüssen. Dafür wurde der Weg frei für ein filmisches Grossprojekt. Nun schaut Charrière zurück und nutzt das Aargauer Kunsthaus, um uns zu zeigen: Zwischen Aufklärung und Verführung gibt es keine Konflikte.

Julian Charrière — Die Erzählung der Welt aus dem Stein

Sein jüngstes Filmwerk hat Spielfilmlänge und führt unter tiefem Rauschen, Knarren, Dröhnen direkt an den Rand der Welt. Dort herrscht dunkle Nacht. Was immer der Blick von der langsam vorbeiziehenden Topografie erfassen kann, erzählt von Kräften, die ohne direkte menschliche Einwirkung Wasser und Eis in Bewegung halten. In ‹Towards No Earthly Pole› hat Julian Charrière Bilder aus verschiedenen Eisregio­nen zu einer überwältigenden Kamerafahrt aufgemischt. In ihren monumentalen ­Dimensionen und in Tuchfühlung mit geologischen Prozessen trifft die Arbeit den Nerv ­eines heutigen Zeitgefühls: So könnte es aussehen, wenn der Globus nach Ableben des Homo sapiens sein Gleichgewicht zurückerobert. So hat es vielleicht ausgesehen, bevor Himmel und Erde sich auf unbestimmte Zeit trennten.

Ambivalente Schönheit
An der Medienkonferenz im Aargauer Kunsthaus Anfang September bedankt sich Julian Charrière zuerst bei seiner Crew. Der 32-Jährige bleibt, während er die Ambition des Projekts aufrollt, ein kollegialer Zeitgenosse. Der Druck, den ihm eine ­Vita des Erfolgs mit Unterstützung mehrerer international tätiger Galerien auferlegen könnte, scheint ihn vom Kurs des neugierigen Experimentators nicht abzubringen. Im Gegenteil: Charrière bewahrt seine Freude daran, unseren fatalen Einfluss auf das globale Gleichgewicht in hinreissend schöne Bilder und Objekte zu fassen. Dass er sich selber überraschen kann dabei, sei ein Motor seines Schaffens. Und Ambivalenz unvermeidlicher Teil der Rezeption.
Schon seit seinen ersten Interviews wird Charrière als Explorateur, Forscher, auch als Umweltaktivist international durch die Rezensionen getragen. Das nimmt er hin, ja er weiss damit zu spielen: Die Wahl seiner Themen und Motive, sein teils investigatives, teils experimentelles Vorgehen legen immer wieder den Bezug zu den Naturwissenschaften nahe. «Ganz klar habe ich ein breites Interesse und habe auch den Wissenschaften einiges abgekuckt.» Doch er relativiert die Stilisierung seiner Person vor allem da, wo die Kunst als moralische Instanz dienen soll. «Ich bin nicht in der Lage, den Leuten zu sagen, was gut oder nicht gut sei.» Und: «Auch wenn ich Themen bearbeite, die wahrscheinlich wirklich wichtig sind: Jeder Künstler ist doch ein Forscher.» Er selbst sei letztlich von den Situationisten in Paris der 1960er-Jahre gar nicht so weit entfernt. Und dass die mediale Präsenz der Klimakatastrophe seiner Kunst hohe Aktualität attestiert, ändere nichts an dem Umstand, der mehr noch als das ökologische System die Grundlage für sein Schaffen auszumachen scheint: «Es ist doch so, dass die Wissenschaften genauso wie die Kunst den Überblick verloren haben!»

Was heisst «Natur»?
Raum für Raum legt die Ausstellung in Aarau Fährten aus zu einem Begriff von «Natur» und deren Aggregatzuständen, die sich längst nicht mehr aus unserer kulturell geprägten Optik lösen wollen. «Was kann Natur überhaupt sein heute, was bedeutet sie uns? Und was haben wir von der Romantik geerbt?» Charrière weiss, dass sich in unserem Verständnis des «Romantischen» eine kulturgeschichtliche Epoche mit individueller, heutiger Sehnsucht kreuzt.
Farbaufnahmen von Sandstränden im Bikini-Atoll stellen gleich als Auftakt der Schau das Ferientraumbild vor; eine mächtige Vitrine löst zauberhafte Eisblumen aus dem verdunkelten Raum; schimmerndes Gestein wirft die Frage auf nach Herkunft, Alter, Zusammensetzung vermeintlich geologischer Fundstücke. Dabei trügt der Schein. Charrières Bilder, seine Objekte und seine Arrangements sind ummantelt von Geschichten, die dem Vertrauen in einen Urzustand von Raum und Materie zuwiderlaufen. Radioaktiver Inselsand, kontaminiert durch US-amerikanische Tests von Wasserstoffbomben in den 1940er- und 1950er-Jahren, hinterlässt weissen Nebel auf dem Farbfilm, mit dem der Künstler das Palmen-Idyll im Pazifischen Ozean für die Serie ‹Flathead – First Light›, 2016, ablichtete. In ‹Tropisme›, 2014, ­verspricht flüssiger Stickstoff das Erbgut von Pflanzen zu konservieren, deren Überleben nach Millionen Jahren nicht mehr ohne Weiteres gesichert scheint. Und in ­‹Metamorphism›, LVII, 2016, schürt ein sorgfältig beleuchtetes Mineralienkabinett zwar die Faszina­tion für Gesteinsproben, exponiert aber weit jüngeres Material: Wir sehen Laptop- und Smartphone-Komponenten, in den Hochöfen des deutschen Stahlherstellers Thyssen-Krupp zum Schmelzpunkt getrieben.

Bewegliche Massstäbe
Charrières erste umfassendere Ausstellung bringt mehrere Werke aus den letzten Jahren in einen Zusammenhang und lässt sie in einer grosszügigen Choreografie aufgehen. Es sei für ihn eine Herausforderung gewesen, unabhängig voneinander entstandene, in immer wieder andere Regionen und Medien vordringende Werke zu einer Erzählung zu verweben. «Ich habe mir für diesen wimmernden Kosmos eine Glasglocke vorgestellt, unter der sich alles befindet – wie im Innern des Obsidians.» Der Wechsel von hellen und verdunkelten Situationen, Spiegelungen und Gegenüberstellungen komme jetzt seiner eigenen Vorstellung seines bisherigen Schaffens nahe: «Es sind jetzt mehrere Glocken, die offen sind.»
Als der Maler Caspar Wolf – in der Aargauer Sammlung gut vertreten – sich selbst vor 250 Jahren als Winzling an den Rand seiner Alpenansichten pinselte, da stand der Berg noch still. Die physische Anwesenheit des Künstlers machte Landschaft als Ergebnis mächtiger geologischer Prozesse lesbar. Heute navigieren wir getrennt von unseren Körpern durch das Bild der Welt. «Die Technologie», stellt Charrière fest, «hat keinen menschlichen Massstab mehr.» Per Mausklick dreht sich der Globus am Bildschirm nach unserem Willen, jeder haptische Gegenstand kann ein Vielfaches seines eigenen Volumens an Daten erzeugen. Realität und ihr Abbild, Fiktion und Dokumentation driften als Hybride auseinander oder aufeinander zu. Die Welt erscheint zum Gegenstand geschrumpft und mutiert zugleich zum Atelier des Künstlers: Ihrem Zustand zwischen Traum und Trauma gewinnt er immer neue Materialien ab.

Erzählungen über Kunst und Welt
Dieser Verlust von Massstäblichkeit stand auch am Anfang der Arbeit für ­‹Towards No Earthly Pole›, die der ganzen Ausstellung den Titel gibt: Im Widerspruch zur klischierten Ansicht der Arktis filmten Charrière und sein Team in der Nacht. ­Eine ­Drohne schickten sie mit einem Scheinwerfer voraus, die zweite trug die Kamera. Jetzt folgen wir wie Mücken dem Lichtkegel, während die Umgebung sich im Dunkel laufend entzieht und vergessen macht, wo wir sind. Landschaft scheint eine Endlosschlaufe von Erinnerung, ein Fantasma, das sich in körnigem Schwarzweiss doch als Dokumentation tatsächlicher Formationen outet: Unbemerkt fast geht Kunst ins Naturbild über.
‹We Are All Astronauts›, 2013, war der Titel von Charrières Diplomarbeit. Freundlich kokettierend mit früheren Künstlermanifesten, hat uns diese Selbstermächtigung im zweiten Raum mehrere, fast durchsichtige Weltkugeln vorgeführt. Ohne die Lackschicht ihrer aufgemalten Kontinente wirken sie wie verletzliche Sonnen aus einem anderen Planetensystem. Wir sind riesig neben ihnen, so, wie wir winzig waren im ‹Towards No Earthly Pole›. Die Erzählung über Kunst schiebt sich über die Erzählung über Welt. Gekonnt macht sich Charrière das Globale zu eigen – und sein Schaffen reisetauglich auch für den internationalen Kunstbetrieb, dem die Welt am Herzen liegen muss.

Isabel Zürcher arbeitet als Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin in Basel und Mulhouse.
 mail@isabel-zuercher.ch

Bis 
03.01.2021

Julian Charrière (*1987, Morges), lebt in Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019–2021 ‹Towards No Earthly Pole›, Museo d’arte della Svizzera italiana MASI, Lugano; Aargauer Kunsthaus, Aarau; Dallas Museum of Art, Texas
2019 ‹All We Ever Wanted Was Everything and Everywhere›, MAMbo, Bologna
2018 ‹As We Used to Float›, Berlinische Galerie, Berlin; ‹An Invitation to Disappear›, Kunsthalle Mainz
2016 ‹Future Fossile Spaces›, Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Critical Zones›, ZKM Karlsruhe
2019 ‹La Fabrique du Vivant›, Centre Pompidou, Paris; ‹Wildnis›, Schirn Kunsthalle, Frankfurt a. M.
2018 ‹Adapt to Survive: Notes from the Future›, Hayward Gallery, Southbank Centre, London
2017 ‹Viva Arte Viva›, Arsenale, Biennale di Venezia
2015 ‹The Future of Memory›, Kunsthalle Wien

 

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Julian Charrière 06.09.202003.01.2021 Ausstellung Aarau
Schweiz
CH
Künstler/innen
Julian Charrière
Autor/innen
Isabel Zürcher

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