Street. Life. Photography

Loredana Nemes · 2009, Paris, April 2005, aus der Serie Under Ground, 2005–2006

Loredana Nemes · 2009, Paris, April 2005, aus der Serie Under Ground, 2005–2006

Hinweis

Street. Life. Photography

Winterthur — «Auf Wiedersehen», winkt der Junge beim Aussteigen, nachdem ­Loredana Nemes (*1972, Rumänien) ihn mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex-Kamera geknipst hat. Zu später Stunde streifte die Fotografin durch Berlin, Paris, New York und Moskau, um für ihre Serie ‹Under Ground›, 2005–2006, spontane Begegnungen festzuhalten. Ihre Kamera hielt sie dabei immer klar sichtbar vor dem Bauch, denn sobald sie den Apparat anhebt und gezielt durch den Sucher blickt, verliert der Moment seine Authentizität. Doch wer möchte wo, wann und wie gesehen werden? Was und wann darf man fotografieren? Den Zug, die U-Bahn nennen wir zwar öffentliche Verkehrsmittel, doch vermischt sich darin die öffentliche mit der privaten Sphäre. Fährt man jeden Tag dieselbe Strecke mit der Bahn, so füllt man sie allmählich mit eigenen Gewohnheiten, Erinnerungen und Eindrücken: Der Raum wird privat. Jede Fotografie zeigt auch immer, wie der Fotograf oder die Fotografin die Welt sieht. Nemes steht im Moment des Auslösens im Dialog mit den Passagieren: Wer nicht aufs Foto will, gibt das zu verstehen. Zugleich wahrt sie Distanz zu den Menschen – vielleicht gerade deshalb wirken ihre Bilder ruhig und zeitlos. Und dennoch begibt sie sich, wie andere auch, bei ihrer Arbeit in ethische wie rechtliche Grauzonen. Der Amerikaner Philip-Lorca DiCorcia beispielsweise wurde 2005 aufgrund der Veröffentlichung eines Street-Photography-Porträts angeklagt, jedoch vor Gericht mit Verweis auf die Kunstfreiheit entlastet. Besonders gewagt ist die Serie ‹Road Wallah›, 2011–2014, vom mehrfach ausgezeichneten Dougie Wallace. Mittels Blitzlicht und ohne Vorankündigung – like a paparazzo – jagt der Fotograf Taxifahrer und Passagiere in Mumbai durch die geöffneten Fensterscheiben und lässt die Schnappschüsse der Passagiere, die im Innern der Autos dem hektischen Verkehrsgeschehen ausgeliefert sind, zu krassen Bildern erstarren. Die abrupte Nähe ist förmlich spürbar; man hört, schmeckt und fühlt die dicht bevölkerte indische Metropole. Auch Michael Wolf fotografiert aggressiv und erweckt Unbehagen mit seiner Serie ‹Tokyo Compression›, 2010–2013. Menschenmassen werden in japanischen U-Bahn-Wagen zusammengepfercht, gegen Scheiben und aneinander gedrückt. Sie können sich kaum bewegen, sich nicht gegen die Kamera wehren. Einige verschliessen krampfhaft die Augen oder verbergen gequält mit ihren Händen und Smartphones das Gesicht und warten in gekrümmter Haltung die nächste Station ab. Die Scheiben feucht vom Kondenswasser, die Farbtöne giftig violett, grün oder gelb – die Fotos wirken beinahe morbide, als zeigten sie in Formalin eingelegte, leblos verzerrte Körper. Ähnlich surreal wirken Wolfgang Tillmans Aufnahmen. Er zeigt, wie sich im Stossverkehr Tabus auflösen; Je voller der Wagen, desto näher rücken sich die Passagiere. Man kommt Fremden nah, man berührt sich. Privatsphäre ade?
‹Street. Life. Photography› koppelt das Heute an die Historie, indem die Ausstellung neue, zeitgenössische Positionen mit Ikonen der Fotografie – wie Lisette Model, William Klein und Lee Friedlander – konfrontiert. Und es funktioniert. Sie zeigt sieben Jahrzehnte Street Life in seiner Komik und Tragik, mitsamt seinen Widersprüchen und Spannungen. Ungeschönt und doch nicht unzugänglich statt hochästhetisch – genau so, wie das Street Life eben ist. 

Anouk Brunner, Master Kulturpublizistik, ZHdK

Bis 
10.01.2021

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