Thu Van Tran und Sharif Waked — Poesie des Zwischenraums

Thu Van Tran · Novel Without a Title #5, 2019; Arirang partition, 2016. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland. Foto: Gina Folly

Thu Van Tran · Novel Without a Title #5, 2019; Arirang partition, 2016. Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland. Foto: Gina Folly

Sharif Waked · Bath Time, 2012, Video, 00:02:13 min, 16:9, Farbe, Ton

Sharif Waked · Bath Time, 2012, Video, 00:02:13 min, 16:9, Farbe, Ton

Besprechung

Ein Navigieren im Innen und Aussen durch die Spuren der ­eigenen und der kollektiven Identität wird in diesen beiden Ausstellungen zum Antrieb für behutsame künstlerische Prozesse der Offenlegung: Fragen nach dem, was bleibt, nach kultureller Prägung und die Suche nach Zugehörigkeit oder Entfremdung.

Thu Van Tran und Sharif Waked — Poesie des Zwischenraums

Basel — «Warum haben sich die Mythen in Wünsche verwandelt?», fragt eine Frauenstimme ins bewegte Bild der 2-Kanal-Videoinstallation ‹24 Stunden in Hanoi› von Thu Van Tran (*1979). Die Künstlerin schickt darin eine Protagonistin durch eine Stadt, in der sie ihre eigene Suche nach Heimat in einem vertrauten und zugleich fremden Land visualisiert. Van Tran ist in Vietnam geboren; als sie zwei Jahre alt war, floh sie mit ihrer Familie nach Frankreich, wo sie aufwuchs und später Kunst studierte.
Auch die in Bronze gegossenen, originalgrossen Bananen- und Kautschukblätter vermitteln die tiefgreifende Aufarbeitung von Geschichte. Die im Vietnamkrieg eingesetzten kontaminierenden Giftgase und die Ausbeutung und Zerstörung des Landes während des Kolonialismus werden ebenso angesprochen wie aktuelle Ungerechtigkeiten: Die Künstlerin belichtete Pappkartons, auf denen Frauen sassen, die als Reinigungskräfte in Hongkongs Bürogebäuden arbeiten: zum stillen Protest auf öffentlichen Plätzen. Van Tran hat damit das, was sonst keiner sieht, ganz konkret ins Licht gerückt. Vor allem aber fragt sie immer wieder nach der Lesbarkeit von Spuren oder wie wir mit deren Unlesbarkeit und letztlich auch mit Sprachlosigkeit umgehen. Dabei ist sie nie anklagend, sondern bleibt in ihrer Sinnlichkeit immanent.
Im unteren Teil der Doppelausstellung begegnen wir Sharif Waked (*1964, Nazareth). Auch er hinterfragt seine Herkunft in seiner ebenfalls ersten Einzelausstellung in der Schweiz. Der abwechselnd in Israel und in Kalifornien lebende Waked arbeitet politisch und bringt gesellschaftsrelevante Themenkomplexe in eigener künstlerischer Sprache auf eine universelle Ebene. Eine Horde Smileys purzelt durch eine Videoaufnahme, in der ein Mann, auf einer Leiter stehend, eine grosse Steinmaske von der Wand abhackt. Die Szene ist bekannt: die Zerstörung der Kulturgüter im Mosul Museum im Irak durch den IS (2015). Gleichzeitig scheinen die Emojis Sprache zu ersetzen. Waked zeigt die enge Konjunktion zwischen Bild und Text, zwischen Zeichen und Sprache auf. Ein Mann in der Montur eines Selbstmordattentäters liest aus den Erzählungen Tausendundeine Nacht. Irritation wird hier zum Moment einer Neujustierung der eigenen Denkmuster. Per Hand gezeichnete Arabesken werden erst durch den Blick der Handkamera entzifferbar. In der Arbeit ‹Bath Time› sehen wir ­einen Esel, angemalt wie ein Zebra: seine neue Rolle, nachdem der Zoo in Gaza ausgebombt wurde. Das Tier steht in der Badewanne und wird mit Wasser abgeduscht. Die Farbe verläuft – aber lässt sich Identität wirklich abwaschen?

Bis 
15.11.2020
Institutionen Land Ort
Kunsthaus Baselland Schweiz Basel/Muttenz
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Sharif Waked 11.09.202015.11.2020 Ausstellung Basel/Muttenz
Schweiz
CH
Thu Van Tran 11.09.202015.11.2020 Ausstellung Basel/Muttenz
Schweiz
CH
Autor/innen
Valeska Marina Stach
Künstler/innen
Thu Van Tran
Sharif Waked

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