Christian Marclay — Im leeren Haus die Fülle feiern

Christian Marclay · Déballage, 2021, Testprojektionen im Rohbau des neuen Museums, Plateforme 10

Christian Marclay · Déballage, 2021, Testprojektionen im Rohbau des neuen Museums, Plateforme 10

Foto: The Daily Eye

Foto: The Daily Eye

Fokus

«Ein Museum ist wie ein Eisberg, wir sehen nur die Spitze, doch der wichtigste Teil ist unter Wasser.» Christian Marclay weiss, wovon er spricht. Die Carte blanche zur Voreröffnung des Neubaus von Photo Elysée und mudac nutzt der Kalifornier mit ­Schweizer Wurzeln für ‹Déballage›, einen visuellen Tauchgang in die ­kulturellen Speicher unserer Zeit. 

Christian Marclay — Im leeren Haus die Fülle feiern

Neben dem Bahnhof Lausanne entsteht unter dem Namen Plateforme 10 das grösste Museumsquartier der Schweiz. Das Musée cantonal des beaux-arts ist bereits in den neuen Gebäudekomplex eingezogen. Nun erhalten auch das mudac und ­Photo Elysée, das vormalige Musée de l’Elysée, eine neue Hülle. Doch bevor die beiden Institutionen in den Bau der portugiesischen Architekten Aires Mateus einziehen, wird er zwei Tage für das Publikum geöffnet. Christian Marclay steuert mit ‹Déballage› eine festliche Form des «Auspackens» bei – mit Projektionen auf Wänden und Flachbildschirmen, die aufblitzen lassen, was in den Archiven im Dunklen ruht.
«Fotos sind eine Dokumentation des Lebens, sie sind Spuren einer anderen Zeit. Sie sind eine Form, mit Zeit umzugehen und Zeit zu bewahren», führt Marclay aus. Für das ephemere Projekt sichtete er rund 50’000 Digitalisate aus dem Archiv des Elysée, einer Fotosammlung von den Anfängen der Fotografie bis heute, sowie 2500 Objektaufnahmen aus der Sammlung des mudac, des Musée cantonal de design et d’arts appliqués contemporains. Doch was tun mit der Masse von Bildern? Welche von tausend Aufnahmen sticht heraus, welche fesselt die Aufmerksamkeit? Marclay testet die Frage am eigenen Leib. Sein Fazit: Viele Bilder haben sich längst in unser Unterbewusstsein eingeschrieben. Sie sind Teil der eigenen und der kollektiven Geschichte, beeinflussen, wie wir die Realität sehen und was wir erinnern. Zugleich werden formale Muster und wiederkehrende Inszenierungen deutlich. Im Bilderstrom wird er nun ikonische Aufnahmen von Sabine Weiss oder René Burri – Che Guevara und Kennedy – neben anonymen Familienfotos aufscheinen lassen und so die noch leerstehende Architektur und die musealen Inhalte ein erstes Mal ausleuchten.

Chaos inspiriert
Die Projektionen und Überblendungen collagierte er nicht nach didaktischen, sondern nach subjektiven, spielerischen Kriterien – wohl als Ermunterung ans Publi­kum, es ihm gleichzutun: «Es ist interessant, mit Chaos konfrontiert zu werden. Unterschiedliche Menschen werden unterschiedliche Dinge sehen, die Beziehung zwischen den Bildern wird sich ständig verändern.» Gezielt würfelt er dabei ­fachliche Kriterien durcheinander: «Für jede Form von Kunst, Malerei, Zeichnung, Skulptur, Grafik etc. gibt es unterschiedliche Kuratoren, unterschiedliche Abteilungen, unterschiedliche Formen der Präsentation, unterschiedliche Beleuchtung. Drum war mir wichtig, Objekte auf derselben Ebene zu präsentieren.» Dass die Vorlagen mehrheitlich schwarzweiss sind, trägt zu deren Abstrahierung und Nivellierung bei.
Christian Marclay hat sich des Öfteren mit Archiven beschäftigt, sei es im Video ‹The Clock›, bei dem er uns das Ticken der Uhr in einem hypnotischen Sog von Kinofilm-Ausschnitten in Echtzeit vor Augen führt, sei es in ‹Arranged and Conducted› im Kunsthaus Zürich, als er die Sammlung nach Musikdarstellungen durchforstete und diese in einer russischen Hängung hierarchielos als stummes Konzert auf einer Wand arrangierte. Auch in ‹Déballage› reduziert er die Bilder auf ihren zweidimensionalen, visuell fassbaren Gehalt. Erklärende Legenden fehlen. Damit nimmt er ein Thema auf, das mit dem Lockdown an Dringlichkeit gewonnen hat: Was geschieht, wenn wir die Kunst während längerer Zeit nur noch per Bildschirm wahrnehmen? Und was ändert sich, wenn wir ihr dann wieder im realen Raum begegnen? Marclays performatives Screening spielt auf der feinen Membran zwischen digitalem Datenrausch und analoger Realität, zeigt Kunst in einer sinnlichen «transitorischen Form». Damit bleibt er seiner Tätigkeit als DJ treu. Er mischt Bilder wie Töne, nur lässt er – anders als in der Musik – die Vorlagen erkennbar bleiben.
Und was war seine grösste Herausforderung bei diesem Projekt? «Die Bilderflut, sie beeinflusst dein Hirn auf eine merkwürdige Weise. Die Überforderung, der Ekel, man fühlt sich, wie wenn man überessen wäre.» Der Digital Turn treibt den Iconic Turn weiter, wir kommunizieren zunehmend über Bilder, ohne uns über deren Kontext, Syntax, Medialisierung, Relevanz und Verdaulichkeit Gedanken zu machen. Marclays beschwingte Versuchsanordnung bietet dazu eine einmalige Steilvorlage.

Bis 
06.11.2021

→ ‹Christian Marclay – Déballage›, immersive Installation mit Bildern aus den Archiven im Neubau von Photo Elysée und mudac (Musée cantonal de design et d’arts appliqués contemporains), ­Lausanne, 6.11., 10–01 Uhr; 7.11., 10–22 Uhr  ↗ www.mudac.ch www.elysee.ch www.plateforme10.ch

Institutionen Land Ort
Mudac Schweiz Lausanne
Photo Elysée Schweiz Lausanne
PLATEFORME 10 Schweiz Lausanne
Autor/innen
Claudia Jolles
Künstler/innen
Christian Marclay

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