Laura Grisi — Die Vermessung der Zeit

Laura Grisi · East Village, 1967, Acryl auf Leinwand, Neon, Plexiglas, Alu, 163 x 167 x 22 cm, Courtesy Estate Laura Grisi und P420, Bologna. Foto: Carlo Favero

Laura Grisi · East Village, 1967, Acryl auf Leinwand, Neon, Plexiglas, Alu, 163 x 167 x 22 cm, Courtesy Estate Laura Grisi und P420, Bologna. Foto: Carlo Favero

Besprechung

Das Muzeum Susch zeigt die erste grosse Retrospektive seit dem Tod von Laura Grisi 2017. Mit dem Sinnbild der «Reise» verweist die Schau dabei nicht nur auf Grisis unzählige Arbeits- und Aufenthaltsorte von Paris bis Polynesien, sondern auch auf die künstlerische Vielfalt ihrer ersten Jahrzehnte.

Laura Grisi — Die Vermessung der Zeit

Susch — Die Beschäftigung mit der unendlichen Ausdehnung des «Möglichkeitsraums» der Kunst, so der Ausstellungstext, charakterisiere das Werk der gebürtigen Griechin Laura Grisi (1939–2017). Dabei interessierte sie sich für das, was wir nicht «erfassen» können, spürt ihm in ihrem Werk der 1960er- und 1970er-Jahre in grundsätzlicher Weise nach: etwa wenn sie am Strand sitzt, um jedes Sandkorn einzeln zu zählen. Dabei eröffnen sich Bedeutungsebenen vom Sediment über die Serie bis zu Sisyphos. ‹The Measuring of Time› heisst die Arbeit von 1969. Sie ist titelgebend für die Schau in Susch, die auf jene produktiven Schaffensjahre Grisis fokussiert.  
Für Grisi, die in Rom und Paris studiert hatte, waren die Reisen nach Afrika, Südamerika und Polynesien ab Ende der 1950er-Jahre der entscheidende Wendepunkt. Sie führte ein Leben als «Nomadin», so die Ausstellung, wobei die Reisen ihren Blick für ein Denken ausserhalb europäischer Paradigmen öffnete und die «Erkundung eines kosmischen Denkens» anstiess. Grundsätzliche Fragen nach Repräsentation, (weiblicher) Identität und kosmologischen Konstanten wurden aufgeworfen.
Dabei begann Grisis Weg – zu Beginn der Ausstellung nur kurz gezeigt – mit der Fotografie als Mittel serieller Dokumentation auf ihren Reisen. Danach schuf sie die typischen variablen, will heissen «verschiebbaren» Malereien. Sie zeigen etwa «Durchblicke» oder abstrahierte Landschaften, wie das an die Sprache der Pop Art erinnernde Diptychon ‹Landscape Omaggio a Gainsborough› von 1966. Dennoch wirken die Werke dieses Typs, teilweise auch auf Plexiglas und um Neonröhren ergänzt, vergleichsweise eindimensional. Im ersten Obergeschoss folgen die sehr viel dynamischeren Installationen: ‹40 Knots› von 1968 setzt die Besuchenden physisch der Windstärke aus. Auf einem 16-mm-Film ist die Künstlerin mit Windmesser am Strand beim Aufzeichnen der besagten 40 Knoten zu sehen. Gegen Mitte der 1970er werden diese Versuche systematisiert sowie konzeptualisiert. So zeigt die 1975 entstandene Foto­strecke ‹Hypothesis about Time› 360 Zustände einer Stoppuhr. ‹Pebbles› von 1972 hält die Permutationen von vier Steinen im Sand in 150 Fotografien und filmisch fest. Damit untersucht Grisi die Voraussetzungen für menschliche Wahrnehmung und Wissen auf Grundlage von Mathematik oder Sprache.
Die Schau fächert das breite Werk von Grisi gekonnt auf, das neben der künstlerischen Qualität besonders durch die vielfältigen Variationen fasziniert, wobei das Booklet für eine nachvollziehbare Chronologie sehr hilfreich ist.

Bis 
05.12.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Laura Grisi — The Measuring of Time 05.06.202105.12.2021 Ausstellung Susch
Schweiz
CH
Autor/innen
Adrian Dürrwang
Künstler/innen
Laura Grisi

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