Maya Bringolf — Dystopische Symbiose

Maya Bringolf · Skeleton, 2021, geschmolzene Monoblockstühle, 300 x 105 x 85 cm, Courtesy Galerie Bromer. Foto: Serge Hasenböhler

Maya Bringolf · Skeleton, 2021, geschmolzene Monoblockstühle, 300 x 105 x 85 cm, Courtesy Galerie Bromer. Foto: Serge Hasenböhler

Besprechung

In ihrer aktuellen Ausstellung ‹Light Up› entwirft Maya Bringolf postapokalyptische Szenarien und stellt mit verfremdeten Alltagsobjekten die unausweichlichen Fragen unserer Zeit: Fragen nach Kapitalismus, Warenkreisläufen und nach dem Einfluss des Menschen auf die Erde.

Maya Bringolf — Dystopische Symbiose

Zürich — Verschmolzene Plastikstühle hängen von der Decke; perforierte Teppiche sind an den Wänden angebracht; verbrannte, mit Lüftungsrohren durchbohrte Büro-stühle stehen im Raum. Unbehaglich ist der Anblick dieser Rohre, die durch das dichte Polster, die rigide Oberfläche der Stühle dringen, auf der einst ein Körper sass. Der arbeitende Körper, der sich der kapitalistischen Logik beugt, effizient und leistungsfähig zu sein hat, gewinn- und profitorientiert. Maya Bringolf (*1969, Schaffhausen) macht in ihrer aktuellen Ausstellung Abhängigkeiten und Machtstrukturen sichtbar, die unseren Alltag prägen und Objekten eingeschrieben sind. Man denke an den Bürostuhl, der so entworfen wurde, dass man möglichst lange auf ihm verweilen mag. Und um diesen Bürostuhl winden sich nun Rohre wie Gedärme, vereinen sich mit ihm in einer dystopische Symbiose. Gleichzeitig lässt Maya Bringolf dieses verwobene System kollabieren, indem sie die Stühle in einem verlassenen Steinbruch in Brand setzte. Das, was von ihnen übrig blieb, bearbeitete sie mit Epoxidharz. In diese postapokalyptischen Denkräume, welche die Künstlerin uns eröffnet, fügen sich die ebenfalls mit künstlichem Harz verfestigten Kleidungsstücke nahtlos ein, die wie ein antikes Relief aus den Wänden der Galerie Bromer ragen. Was sich einst weich um den Körper schmiegte, ist nun starr und dysfunktional. So bleibt auch der Körper abwesend, scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Eine Abwesenheit, die ihrerseits von den Teppichen verdeutlicht wird, deren grosse und kleine Löcher sie nach und nach zu zermürben drohen.
Die Ausstellung ‹Light Up› hat einen gesellschaftskritischen Unterton, der kaum zu überhören ist. Maya Bringolf visualisiert mit ihren verfremdeten Objekten jene gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Glaubenssysteme, die unsere Gegenwart prägen. Ein Beispiel dafür ist das grossformatige Hängeobjekt ‹Skeleton›. Dieses besteht aus weissen Plastikstühlen, wobei die günstig hergestellten und weit verbreiteten Produkte auf globale Handelswege verweisen; auf die Warenkreisläufe, zu denen wir jeglichen Bezug verloren haben; auf den daraus resultierenden Einfluss des Menschen auf die Erde. Heute wiegt die menschengemachte Masse mehr als die ­Masse aller Lebensformen. Es handelt sich dabei um 1,1 Billionen Tonnen, wie eine Studie im Fachjournal ‹Nature› belegte. Auf dieses Dilemma unserer Zeit verweist ­Maya Bringolf und macht uns nachdenklich, ohne moralisierend zu sein. 

Bis 
06.11.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Maya Bringolf — Light Up 18.09.202113.11.2021 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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