Su Hui-Yu — Weisse Jungfrauen und die Kraft des Theaters

Su Hui-Yu · The White Waters, 2019, Ausstellungsansichten Kunsthalle Winterthur, 2021

Su Hui-Yu · The White Waters, 2019, Ausstellungsansichten Kunsthalle Winterthur, 2021

Su Hui-Yu · The White Waters, 2019, Ausstellungsansichten Kunsthalle Winterthur, 2021

Su Hui-Yu · The White Waters, 2019, Ausstellungsansichten Kunsthalle Winterthur, 2021

Besprechung

In der Kunsthalle Winterthur zeigt der taiwanesische Künstler Su Hui-Yu zwei filmische Arbeiten, die ein westliches Publikum in die Geschichte des chinesischen Theaters, in queere asiatische Revolutionen und die Abgründe der menschlichen Liebe eintauchen lassen.

Su Hui-Yu — Weisse Jungfrauen und die Kraft des Theaters

Winterthur — Im Sanzhi-Quartier in Taipeh steht ein kleines Museum, das Kinder und Erwachsene glücklich macht. Das Li Tien-Lu Handpuppenmuseum zeigt nicht nur Artefakte wie Puppen, Bühnenbilder und Libretti, sondern stellt auch eine voll funk­tionsfähige Bühne zur Verfügung, auf der die kleinen Besucherinnen und Besucher alte Stücke lustvoll neu interpretieren können. Da kann es vorkommen, dass eine ätherische Schönheit des alten Kaiserhofs auf Spiderman trifft. In solchen Momenten tut es dem Vergnügen des westlichen Besuchers keinen Abbruch, dass er kein Wort von dem versteht, was gesprochen wird, und auch nicht, dass er wie ein Analphabet keines der Zeichen entziffern kann, die den skizzierten Stücken zugrunde liegen.
Ein ähnliches Vergnügen bietet sich momentan in der Kunsthalle Winterthur. Die äusserst präzise inszenierte filmische Theaterwelt, in die uns Su Hui-Yu (*1976, ­Taipeh) auf mehreren Bildschirmen in zwei Räumen eintauchen lässt, ist sowohl von den klassischen chinesischen Stücken seiner Heimat und der Avantgarde-Tradition Taiwans seit den 1970er-Jahren inspiriert als auch von einer globalen Bildsprache durchzogen, in der sich queere Ästhetik, Manga und Kung-Fu-Filme vermischen. Die Produktion, die der Künstler für die Performa-Biennale 2019 in New York entwickelte, findet nun in Winterthur zu einer musealen Form, die wieder einmal zeigt, dass das kleine Team um Kurator Oliver Kielmayer weit über seiner eigentlichen Gewichtsklasse boxt und gewinnt.
Auch wenn man wenig über Taiwan, China und seine kulturelle Geschichte weiss, findet sich ein Zugang zu den beiden Werken ‹The White Waters› und ‹The Women’s Revenge›. ‹The White Waters› spielt mit der Ästhetik neuerer Kung-Fu-Filme wie ‹Crouching Tiger, Hidden Dragon› von Ang Lee, die auch hier einem breiten Publikum bekannt sind. ‹The Women’s Revenge› knüpft an Motive an, wie sie Quentin Tarantino in den Westen brachte. Su Hui-Yu übersteigert diese Bildsprache präzise, bewusst und raffiniert und bringt sie so zurück in den Schoss des Theaters, das von der Überbetonung bestimmter Elemente, Überzeichnung wichtiger Momente und der Fall­höhe zwischen Pathos und Inhalt lebt. Das Puppentheater, wie es im Li Tien-Lu Museum gezeigt wird, bietet für die Transformation in das bewegte Bild eine Blaupause, die das Klassische mit den Möglichkeiten des Virtuellen verwebt. So wird die alte Legende von der weissen Prinzessin zu einer transkulturellen und zeitgenössischen Meditation über die Abgründe und Höhepunkte der Liebe. 

Bis 
14.11.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Su Hui-Yu 19.09.202114.11.2021 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Damian Christinger
Künstler/innen
Su Hui-Yu

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