Wohin? Künstlerische Investigationen — Jenseits des Museums

#BigDreams · Scheinwerfer an, 2021, Mixed Media, Ausstellungsansicht Helmhaus Zürich. Foto: Zoe Tempest

#BigDreams · Scheinwerfer an, 2021, Mixed Media, Ausstellungsansicht Helmhaus Zürich. Foto: Zoe Tempest

Besprechung

Es gibt Ausstellungen, in denen mehr Lese- als Sehkompetenz gefragt ist. Auch das Helmhaus geizt in der aktuellen Schau nicht mit Texten. Dennoch bieten die multimedial bespielten Räume ein immersives Erlebnis, indem sie drängende Fragen stellen und das Publikum zur Interaktion verleiten. 

Wohin? Künstlerische Investigationen — Jenseits des Museums

Zürich — Was macht Freude? Was macht Angst? Und ab wann gilt etwas als Folter? Im Helmhaus greifen sieben Positionen mit installativen Arbeiten sozial- und umweltpolitische sowie juristische Themen auf, die zum Ausstellungstitel mit der Frage ‹Wohin?› führen. Wohin führen uns rechtlich bindende Vorschriften wie das Nachrichtengesetz? Wohin gleiten wir infolge der Klimakrise ab? Und wo erleben wir trotz allem Glück? In der Kunst, meint ein interviewter Künstler in Maria Pomianskys Film­essay: «Everybody is jealous, because artists are busy with their favourite thing.»
Weniger von Glück als von Leid handelt ‹Scheinwerfer an›, 2021. Hier thematisiert das Kollektiv #BigDreams die von diversen Instanzen als Folter bezeichnete Verwahrung des Strafgefangenen Brian Keller, schweizweit bekannt unter dem Pseudonym Carlos. Inspiration zum Titel der Arbeit bot eine Korrespondenz: Das Generalsekretariat der Direktion der Justiz und des Innern des Kantons Zürich forderte das Kollektiv zum Schutz des Häftlings auf, die «Scheinwerfer auszuschalten». Einen Eindruck von der beklemmenden Enge, die den Lebensalltag von Brian prägt, vermitteln in der Ausstellung schmale Korridore. Sie führen zu einer Zelle, die mit ihren schaumstoffverkleideten Wänden an einen Verhörraum erinnert. Neben einem Stapel handgeschriebener Zettel von Brian ragt ein Mikrofon in den Raum. Dort hineinsprechend, können die Besuchenden dem isolierten Gefängnisinsassen eine Botschaft übermitteln.
Eine aktive Rolle weist auch Nadia Leonhard dem Publikum zu: In ‹observe-observed›, 2019, kann man einer performenden Person vorschreiben, wen sie im öffentlichen Raum stalken soll. Ein an die Wand projiziertes Video zeigt die Verfolgung in Echtzeit und macht Besucherinnen und Besucher zu Akteurinnen und Zeugen zugleich. Ethische und rechtliche Fragen über die Beschattung von Personen drängen sich auf.
Während Leonhards Performance von ephemerer Natur ist, hinterlässt Anissa Nussbaumers bleibende Spuren auf der Haut: Sie sticht all jenen, die sich der eigenen Angst stellen wollen, ein Zeichen unter die Haut. Diejenigen, die sich lieber zur eigenen Angst bekennen, können sich auf einem Fan-Tisch mit käuflichen Fear-to-Go-Accessoires wie T-Shirts und Baseballmützen eindecken.  
Mit der aktuellen Schau lässt das Helmhaus Kunst und Alltag miteinander verschmelzen. Hier will Kunst nicht schöner Schein sein, sondern Zeigefinger, Fragezeichen und Diskussionsplattform. Indem die gezeigten Positionen buchstäblich den musealen Rahmen sprengen, eröffnen sie einen politischen Diskurs. 

Bis 
14.11.2021

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