Eva Hesse — Fears and Tears

Eva Hesse · 1969, Courtesy Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie. Foto: Hermann Landshoff

Eva Hesse · 1969, Courtesy Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie. Foto: Hermann Landshoff

Eva Hesse · Studioworks, 1969 © The Estate of Eva Hesse, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Thomas Müller

Eva Hesse · Studioworks, 1969 © The Estate of Eva Hesse, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Thomas Müller

Besprechung

Eva Hesse, die deutsch-amerikanische Künstlerin mit jüdischen Wurzeln, hat der Nachwelt trotz traumatischer Erlebnisse in der Kindheit grossartige Werke hinterlassen. Fragile Objekte und Ölgemälde bei Hauser & Wirth in Zürich zeugen von ihrer Zerrissenheit, aber ebenso von ihrer Verspieltheit.

Eva Hesse — Fears and Tears

Zürich — Zwei und fünf Jahre alt waren Eva und Helen Hesse, als sie nach der Reichskristallnacht 1938 mit einem der letzten Kindertransporte aus Nazideutschland nach Holland geschickt wurden. Die Eltern reisten nach und emigrierten 1939 mit den Mädchen in die USA. «Will it be a better world?» fragt der Vater in seinem Tagebuch, das in der Galerie Hauser & Wirth an der Zürcher Bahnhofstrasse eine Fotografie mit den Mädchen auf dem Ozeandampfer zeigt. Besser wurde die Welt nicht, im Gegenteil: Die Eltern liessen sich 1945 scheiden. Der Vater erhielt das Sorgerecht für die Töchter. 1946 sprang die Mutter in den Tod. «Fears and tears», wie Eva in ihrem Tagebuch festhält, begleiteten sie zeitlebens.
In den 1950ern absolvierte die schöne und begabte Schülerin ein Kunststudium an der Cooper Union in New York und an der Yale School of Art and Architecture in New Haven. «Malerei ist das, womit ich mich am besten ausdrücken kann», schreibt sie. Die Ölbilder von 1960 zeigen rudimentäre Figuren: kahlköpfig, weiblich, gespenstisch und oft zu zweit. «I dreamt about my mother. My thoughts were obsessed with finding her», notiert die Vielschreiberin. Sind die Gemälde also ein verzweifelter Versuch, die verlorene Mutter zurückzuholen? Oder geht es um die Beziehung zur Schwester, die sie einst so tapfer an die Hand nahm und die heute, gemeinsam mit Art Advisor Barry Rosen und Sylvia Bandi von der Zürcher Galerie, den Nachlass betreut?
Nach einem Jahresaufenthalt im deutschen Kettwig 1964/65 arbeitete Eva – aufgewühlt vom Besuch im Land ihrer Herkunft und deprimiert wegen des Dauerkonflikts mit Ehemann und Künstler Tom Doyle – produktiver denn je. Sie entwickelte sich von der Malerin zur grossartigen Objektkünstlerin. Das Relief ‹Ringaround Arosie› etwa oder die schiefen Bodenzylinder ‹Repetition Nineteen› gehören heute zu den ikonischen Werken der 1960er. Eva Hesse verwendete alles, was in den Handwerksschuppen von New York zu haben war: Drähte, Schläuche, Schnüre, Glasfaser, Folien, Latex, Harz, Polyester. «Matter matters» war ihre Devise. Virtuosität bewies sie auch im Kleinen: Elf ‹studioworks›, formvollendete Experimente aus verleimtem Papier und verleimter Gaze, präsentieren sich auf einer Rotunde in der Galerie, als wären sie Schiffchen auf hoher See – fragil und verspielt wie die Künstlerin selbst. Sie hat sie 1969 geschaffen, im gleichen Jahr, in dem sie den monumentalen Latexparavent ‹Expanded expansion› vollendete. 1970 starb sie an einem Gehirntumor im Alter von erst 34 Jahren. 

Bis 
19.11.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Eva Hesse — Forms & Figures 16.09.202219.11.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Eva Hesse
Autor/innen
Feli Schindler

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