Kunst und Klima — Gutes Brot für alle!

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Copain, Installation, ­Mühlerama 2022. Foto: Martin Stollenwerk

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Copain, Installation, ­Mühlerama 2022. Foto: Martin Stollenwerk

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger ·Weizenfeld, Friedhof Sihlfeld, 2022

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger ·Weizenfeld, Friedhof Sihlfeld, 2022

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Copain, Installation, Mühlerama 2022. Foto: Martin Stollenwerk

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Copain, Installation, Mühlerama 2022. Foto: Martin Stollenwerk

Fokus

Mit der Ausstellung ‹Copain› haben Steiner & Lenzlinger im Mühlerama in Zürich eine Hommage an das Brot – eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel weltweit – geschaffen. In der Schweiz verzehren wir pro Person jährlich über 30 kg davon. Doch was hat Brot mit dem Klima zu tun? 

Kunst und Klima — Gutes Brot für alle!

Die Vielzahl der Brotformen und -farben, die uns Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger im Mühlerama in Zürich präsentieren, lädt ein zum Staunen und Schmunzeln. Texte von den Bäcker:innen, von den Kunstschaffenden selbst oder Zitate von Dritten regen zu vertieftem Nachdenken über das alltäglichste Nahrungsmittel der Welt an. Mir wird immer klarer: Egal ob Tessinerbrot, Schüttelbrot, Hostie, Schwedisches Knäckebrot oder das Brötchen aus dem Nachtzug – hinter jedem Brot steckt eine eigene Geschichte, geprägt vom Anbau des Getreides, dem Mahlen, der Herstellung des Teigs, dem Backen und zu guter Letzt von uns Konsument:innen. In der Ausstellung ‹Tod – unser täglich Brot›, die parallel zu ‹Copain› im Forum des Friedhofs Sihlfeld in Zürich gezeigt wird, tritt noch ein weiterer Aspekt dieser Geschichte in den Vordergrund, den die Kuratoren Reto Bühler und Juri Steiner so formulieren: «Das Brot, als Symbol des Lebens, kann nur durch die Zerstörung, den ‹Tod› des Weizenfeldes erschaffen werden.» Brot ist Teil eines Kreislaufs wie alles Lebendige auf diesem Planeten. Steiner & Lenzlinger haben diesen Kreislauf in ihren künstlerischen Prozess integriert: Im Frühling haben sie ein Weizenfeld im Friedhof Sihlfeld angebaut, das Korn selbst geerntet, im Mühlerama gemahlen und zu Brot für die Ausstellung verarbeitet.
«Copain» (dt.: Kumpel) stammt vom Lateinischen «companionis» ab, der Person, mit der man sein Brot teilt. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der wir das Essen und Teilen von Brot zelebrieren! Eine Welt, in der das 1-Franken-Supermarkt-Ruchbrot nicht mehr existiert. Brote gäbe es hauptsächlich in einer der vielen Quartierbäckereien zu kaufen, die bei ihren Produkten auf strengste ökologische und soziale Kriterien achten. Sie arbeiteten mit langen Gärzeiten und Sauerteigkulturen und stellten gesundes, nahrhaftes Brot her. Allen an der Wertschöpfungskette beteiligten Menschen würde ein gutes Auskommen ermöglicht. Menschen mit niedrigem Einkommen erhielten Gutscheine, um sich das Qualitätsbrot leisten zu können. Weil das Brot seinen wahren Preis hätte, auch nach einer Woche noch problemlos geniessbar wäre und richtig gut schmeckte, landete keine Krume davon im Abfall.
Foodwaste wird auch in ‹Copain› angesprochen, in einem Text mit Verweis auf die Aess-Bar, die in Zusammenarbeit mit Bäckereien Backwaren vom Vortag stark vergünstigt verkauft. Gemäss einer ETH-Studie von 2019 werfen wir in der Schweiz etwa jedes vierte gekaufte Brot weg.1/2 In der gesamten Nahrungsmittelkette ist es sogar noch krasser: 54 Prozent des für die menschliche Ernährung bestimmten Getreides wird nicht durch den Menschen verzehrt, ist also Foodwaste. Mehr als bei jedem anderen Lebensmittel. Und hier sind wir bereits beim Klima: Ein Viertel der durch die Ernährung verursachten Treibhausgasemissionen ist auf Foodwaste zurückzuführen.
Brot steht heute im Verruf, ungesund zu sein, auch weil viele Menschen klagen, dass sie Brot schlecht vertragen. Anstatt dem Brot die Schuld zu geben, muss man in diesem Kontext die industrielle Brotherstellung hinterfragen.3 Der Zwang zu billigem Brot und der Drang, überall und immer «Frisches» anbieten zu können, führt zu kurzen Gärzeiten und industriellen Brotzusätzen, die gesundheitsschädigend sind. Und natürlich bedarf es dafür auch so billigen Mehls, wie es sich mit einer umweltschonenden Produktion nicht herstellen lässt. In der Brotindustrie sind dieselben verheerenden Mechanismen am Werk wie andernorts: Profitmaximen und das Bedienen angeblicher Bedürfnisse nach übermässigem Konsum von Billigprodukten schaden der Umwelt und geben den Konsument:innen keine wahre Befriedigung, sind ihrer Gesundheit sogar unzuträglich. «Das industriell gefertigte Brot in unseren Supermarktregalen ist ein Produkt aus (…) mit synthetischem Dünger behandeltem (…) Weizen, der routinemässig mit krebserregenden, chemisch hergestellten Herbiziden behandelt wird», zitiert ‹Copain› die britische Brotexpertin Vanessa Kimbell. «Er wird mit einem einzigen monokulturellen Hefestamm schnell verarbeitet; das Brot mit Konservierungsstoffen, Emulgatoren und Enzymen vollgepumpt, bevor es in verschwenderische Plastiktüten verpackt und über weite Strecken transportiert wird. Es ist ein Brot, das unsere Gesundheit und unseren Planeten zerstört.» Ich denke dabei sofort an die Pestizidopfer, Insekten in Miniatursärgen, im Friedhof Forum Sihlfeld.

Eine neue Brotkultur
Es ist höchste Zeit, das Brot, wie es in den 1970er-Jahren als billiges Industrieprodukt entstand, zu verabschieden. In einer neuen Lebenskunst der Wertschätzung und Resonanz mit diesem grossartigen Grundnahrungsmittel, den Menschen, die es herstellen, und dem Land, das dafür bereitgestellt werden muss, steckt ein grosses Potenzial für eine lebenswerte Zukunft. Wenn wir unsere Beziehung zu Brot verändern können, können wir dies auch mit anderen Konsumgütern. Copines, copains, lasst uns, zusammen mit den bereits vielen kreativen und innovativen Menschen in diesem Bereich, die Geschichte des Brots, von der Herstellung des Weizens bis zum genüsslichen Reinbeissen, neu schreiben. Das bedingt aber nicht nur einen kulturellen Wertewandel, sondern auch entsprechende politische Massnahmen. Gutes Brot für alle!

Raphael Portmann, Klimawissenschaftler an der Agroscope Reckenholz und Mitgründer von Degrowth Schweiz. raphael.portmann@agroscope.admin.ch

1 C. Beretta und S. Hellweg, ‹Lebensmittelverluste in der Schweiz – Umweltbelastung und Vermeidungs­­po­ten­tiale›, 2019, Studie im Auftrag des BAFU
2 ‹Unser täglich entsorgtes Brot – Wie in der Schweiz jedes Jahr Hunderttausende Tonnen Getreide ­verloren gehen› ↗ www.nzz.ch
3 Harald Friedl, ‹Schönes neues Brot – Doku (2020)› ↗ www.youtube.com; NDR, ‹Unser Brot – Handwerk oder Massenware?› ↗ www.ndr.de

→ Kunst und Klima: ein Klimaforscher kommentiert eine visuelle Vorlage seiner Wahl.
→ ‹Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger – Copain›, Mühlerama, Zürich, bis 16.6. ↗ www.muehlerama.ch
→ ‹Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger – Tod: Unser täglich Brot›, Friedhof Forum, Zürich, bis 13.6. (→ S. 71) 
www.stadt-zuerich.ch → gemeinsame Katalogvernissage: 6.11., Mühlerama

Bis 
16.06.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Copain — Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger 03.09.202216.06.2023 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Raphael Portmann
Künstler/innen
Steiner/Lenzlinger

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