Latefa Wiersch — Soziale Klischees mit groben Nadelstichen aufgespiesst

Original Features, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Cedric Mussano

Original Features, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Cedric Mussano

Original Features, 2022, Objekt aus diversen Materialien, 140 x 110 x 160 cm. Foto: Cedric Mussano

Original Features, 2022, Objekt aus diversen Materialien, 140 x 110 x 160 cm. Foto: Cedric Mussano

Original Features, 2022, HD-Video, 9’28’’. Foto: Cedric Mussano

Original Features, 2022, HD-Video, 9’28’’. Foto: Cedric Mussano

Original Features, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Cedric Mussano

Original Features, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Cedric Mussano

Latefa Wiersch

Latefa Wiersch

Fokus

Aus alltäglichen Materialien erschafft Latefa Wiersch Objekte und Puppen, die wie seltsame Mischwesen aus Mensch, Tier, Pflanze wirken. Die Künstlerin reflektiert mit ihren ­Installationen und Performances, was es in unserer Gesellschaft bedeutet, Mensch zu sein. Das Kunsthaus Langenthal zeigt ihre erste institutionelle Einzelausstellung. 

Latefa Wiersch — Soziale Klischees mit groben Nadelstichen aufgespiesst

Wie ein Guide durch die Ausstellung steht sie im Gang im zweiten Obergeschoss des Kunsthaus Langenthal: eine lebensgrosse Figur mit dunklem Bart. Die Kleidung mischt Elemente arabischer Männerkleidung mit westlicher Sportswear. Das Gesicht ist mit groben Nadelstichen genäht, wie mit spontanen, halb karikierenden, halb suchenden Strichen gezeichnet. Das bewusst Imperfekte erzeugt aber auch eine Art von Verletzlichkeit und gibt der Figur dadurch etwas sehr Menschliches, etwas Berührendes. Die Gesichtszüge der Gestalt sind denen des Hauptdarstellers aus Rainer Werner Fassbinders Film ‹Angst essen Seele auf› nachempfunden: El Hedi Ben Salem M’barek Mohammed Mustafa. Als der Film um die Beziehung zwischen einer alternden deutschen Reinigungskraft und einem marokkanischen Einwanderer 1974 in die Kinos kam, wurde er als antirassistisches Statement gefeiert. Über die Situation des tunesisch-marrokkanischen Schauspielers in Deutschland wurde nicht gesprochen. Erst 2011 arbeitete die Filmemacherin Viola Shafik in ihrer Dokumentation ‹Jannat’Ali› auf, dass El Hedi Ben Salem M’barek Mohammed Mustafa von Fassbinder und seinem Team am Filmset und im privaten Umgang mit grosser Gleichgültigkeit behandelt worden war. Auf der Leinwand mochte er die Hauptrolle spielen, abseits davon lebte er in einer Sphäre der Unsichtbarkeit, in der sich die meisten Menschen mit Migrationshintergrund damals wiederfanden.

Weiblichkeit als Maschinenartiges
Die Figur im weissen Sportswear-Pulli mit bekanntem Markenlogo vorne drauf führt die Besucherinnen und Besucher in diese Sphäre der Unsichtbarkeit. Eine Sphäre, die noch heute inmitten der westlichen Gesellschaft existiert und in der das sogenannte Fremde und Andere sich mit Unterdrücktem und Verdrängtem mischt. Ein Bereich voller verborgener Sehnsüchte und Aggressionen, unausgesprochener Ängste und Begierden. In Latefa Wierschs erster grosser Einzelausstellung wird aus dieser Sphäre der Unsichtbarkeit ein Ort, an dem das Banale und das Bizarre einander begegnen, das Heitere und das Brutale, das Aufrührende und das Absurde. Wiersch erschafft aus alltäglichen Materialien und Textilien Figuren, die einem Frankenstein’schen Labor entstiegen scheinen und in denen sich Menschliches, Tierisches, Maschinenartiges mischen. In Performances werden sie unterschiedlichen Akteur:innen zum gleichwertigen Gegenüber. Entsetzlich, aber auch berührend, fremd, aber auch sehr vertraut. Es sind Figuren, die sonderbar aussehen und die sich dennoch gleich mitteilen.
Der Blick der Figur im Sportpulli geht in Richtung eines kleinen Raums, in dem ein wuchtiges Objekt steht, das wie ein Mix aus Mensch und Gebäude wirkt. Zwei riesige Brüste prangen über einem Torbogen, der in das Innere der Figur führt. Die bizarre Überbetonung weiblicher Körperteile lässt Weiblichkeit als etwas Monströses erscheinen, aber auch als etwas rein Mechanisches: Man muss nur an den richtigen Stellen drücken, ziehen, reiben, und es fliesst Milch, es entsteht Lust, Wärme, vielleicht sogar ein Kind. Einen erkennbaren Kopf hat die Figur nicht, aber wozu soll denn auch ein Kopf gut sein? Die Biologie macht ihre Sache gut, da muss nicht weiter drüber nachgedacht werden.
Anregung zu dieser Arbeit fand Latefa Wiersch im Schweizer Mythos vom Sennen­tuntschi, aber auch in E.T.A. Hoffmanns Erzählung vom ‹Sandmann› – Stoffe, die sich mit der Erschaffung künstlicher Menschen, künstlicher Frauen befassen. Mit ihrer Interpretation davon zeigt die Künstlerin eine radikale Auseinandersetzung mit tradierten Vorstellungen von Weiblichkeit, die nur scheinbar überholt sind und in leicht modifizierter Form immer wieder neu aufploppen.
Es ist eines der Kernthemen der Künstlerin, die in Dortmund geboren wurde und heute in Zürich lebt. Seit einigen Jahren betreibt Latefa Wiersch den Instagram-Account @artpop_insta, auf dem sie regelmässig Fotos postet, die ein genähtes Alter Ego zeigen, eine Puppe, die sich auf Partys tummelt oder in Brockenhäusern, die im Atelier zu sehen ist oder bei Kunst-Events, in öffentlichen Momenten, aber auch in sehr privaten Situationen. Mit ihrem Instagram-Projekt karikiert Wiersch den Trend zur permanenten Selbstdarstellung und zur Vermischung von privater und beruflicher Sphäre, der vor allem für Kunstschaffende ganz normal geworden ist. Sie hinterfragt dabei insbesondere auch, wie Frauen sich in den sozialen Medien zeigen: Ihre Künstlerinnen-Puppe erscheint immer wieder in neuen Outfits, mit neuen Frisuren, cool, hip und vor allem sexy.

Wild und rassig?
Latefa Wiersch hinterfragt klischierte Vorstellungen von Weiblichkeit, indem sie mit drastischen Übertreibungen arbeitet. In einem abgedunkelten Raum der Ausstellung, in dem nur die darin gezeigten Figuren mit Spots beleuchtet sind, sitzt eine Puppe mit Schwangerschaftsbauch und dicken Brüsten. Auf ihrem runden Bauch ist eine Kaiserschnittnarbe sichtbar. Ihre Arme und die gespreizten Beine stecken in glänzend schwarzen Hüllen. Auch diese Figur hat keinen Kopf, sondern nur eine üppige dunkle Lockenperücke, die sie als «rassige» Schwarze ausweist. Die schwarze Lackkleidung unterstreicht ihre «wilde» Erotik. Auch hier sind die Nähte, welche die Figur zusammenhalten, deutlich sichtbar. Latefa Wiersch zeigt damit ihre Arbeitsweise und sie zeigt zudem, wie Klischeebilder konstruiert werden, wie wir uns Vorstellungen vom Sein der anderen zusammenbasteln. Ihre Nadel trifft ins Schwarze, und aus der Grobmaschigkeit, mit der die Figur gearbeitet ist, wird sichtbar, wie ungenau und leer der Blick ist, mit dem wir andere betrachten und beurteilen.

Alice Henkes ist Redaktorin bei Radio SRF2 Kultur. Sie lebt in Biel. alice.henkes@bluewin.ch

→ ‹Latefa Wiersch – Original Features›, Kunsthaus Langenthal, bis 13.11.; Performance ‹Neon Bush Girl Society› und Artist Talk zur Finissage, 14–15.30 Uhr ↗ www.kunsthauslangenthal.ch
→ Performancepreis Schweiz 2022, Präsentationen der Finalist:innen (u. a. Latefa Wiersch), Kunst­museum Luzern, 12.11.; Rahmenprogramm 11.–13.11. (→ S. 113) ↗ www.performanceartaward.ch

Bis 
13.11.2022

Latefa Wiersch (*1982, Dortmund) lebt in Zürich
2002–2006 Design, Fachhochschule Bielefeld, Diplom
2006 Fine Art, University of Sydney, Sydney College of the Arts, NSW, Australien
2007/08 Fine Art, Kunstakademie Münster
2008–2011 Fine Art, Universität der Künste Berlin, Diplom
2011/12 Fine Art, Universität der Künste Berlin, Meisterschülerin
2017–2019 Master Contemporary Arts Practice, Hochschule der Künste Bern

Einzelausstellungen und Performances (Auswahl)
2021 ‹Monsterhood Part II – Sennentuntschi, a cultural appropriation›, Performance Frauen*Themen Tage ‹Dortmund Goes Black›, Schauspiel Dortmund
2018 ‹Artpop – To Be High To Be Creative›, Junkere 11, Bern
2016 ‹What’s Happening in the Basement›, Studienhaus Soest, im Rahmen des Wilhelm-Morgner-Stipendiums, Soest
2015 ‹Peepshow›, Gepäckausgabe, Kunstverein Glarus

Gruppenausstellungen und Projekte (Auswahl)
2021 Swiss Art Awards, 2021
2020 ‹Bonus Track›, Projekt mit Seda Hepsev und Ana Ruiz De Sabando, Kunsthaus Aussersihl
2019 ‹Monsterhood –The Making of›, Performance mit Emma Murray, Dampfzentrale Bern; ‹Rauschende Körper›, Performance mit Emma Murray im Rahmen der Ausstellung ‹Ekstase›, Zentrum Paul Klee in Zusammenarbeit mit der Dampfzentrale, Bern
2017 ‹The Gang›, Kunst-am-Bau-Projekt, Rote Fabrik, Zürich

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Latefa Wiersch — Original Features 25.08.202213.11.2022 Ausstellung Langenthal
Schweiz
CH
Performancepreis Schweiz 11.11.202213.11.2022 Event Luzern
Schweiz
CH
Autor/innen
Alice Henkes
Künstler/innen
Latefa Wiersch

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