Niki de Saint Phalle — Mitreissend aktuell

Niki de Saint Phalle · Skull, 1990, diverse Materialien, 230 x 310 x 210 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich 2022 © ProLitteris. Foto: Franca Candrian

Niki de Saint Phalle · Skull, 1990, diverse Materialien, 230 x 310 x 210 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich 2022 © ProLitteris. Foto: Franca Candrian

Niki de Saint Phalle · Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich 2022 mit ‹King-Kong›, 1962 (links), ‹L’accouchement rose›, 1964 (rechts) © ProLitteris. Foto: Franca Candrian

Niki de Saint Phalle · Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich 2022 mit ‹King-Kong›, 1962 (links), ‹L’accouchement rose›, 1964 (rechts) © ProLitteris. Foto: Franca Candrian

Besprechung

Mit einer explosiven, bewegten und bewegenden Schau verabschiedet sich Christoph Becker nach 22 Jahren vom Zürcher Kunsthaus. ‹Niki de Saint Phalle› zeigt, wie frisch und zeitgemäss das Schaffen dieser schönen, verletzlichen, vielseitig engagierten Powerfrau ist. Und wie viel komplexer, als man dachte.

Niki de Saint Phalle — Mitreissend aktuell

Zürich — Rund hundert Werke aus allen Schaffensphasen, von der kleinen Assemblage bis zur überlebensgrossen Skulptur; von frühen Ölgemälden bis zu späten Lithografien, die das Recht auf Abtreibung oder die globale Erwärmung thematisieren: Sie alle stehen repräsentativ für die mitreissende Kunst der als Catherine Marie-Agnès de Saint Phalle (1930–2002) bei Paris geborenen und in San Diego verstorbenen Künstlerin. Wer vor allem die bunten ‹Nanas› kennt, die als selbstbestimmte Frauenwesen besonders gern im öffentlichen Raum auftreten, wird überrascht sein vom Facettenreichtum ihres Werks. Von dem, was sie bereits als junge Frau, als Performerin zu sagen hat; wie aktuell sich eines ihrer grossen Themen, das Thema Körperlichkeit, erweist.
Unruhiges Leben, beunruhigende Kunst. Man tut gut daran, sich genügend Zeit zu lassen für Niki de Saint Phalles Anfänge und die wilden 1960er und 1970er, die so wichtig sind für alles, was folgt. Was da an Aggressivität und Emotionalität zusammenkommt, ist packend, ergreifend, existenziell. Sich von hier aus zu den berühmten ‹Nana›-Figuren und ihren Verwandten hinzudenken, die unter anderem de Saint Phalles sehr persönlichen Feminismus verkörpern, ist eine intensive Erfahrung. Geburt und Tod, Hochzeit und Krieg, Innen und Aussen, Herzenssache – Schmerzenssache, Verletzungen und Befreiendes, konkretes Engagement und magisches Geheimnis: Alles findet sich im Œuvre de Saint Phalles, für die Kunst einst nichts weniger bedeutete als «Erlösung und Notwendigkeit». Konzentriert erscheint es im grössten Werk der Zürcher Ausstellung, dem über sechs Meter breiten Relief-Schiessbild ‹King-Kong›, ein ebenso phänomenaler wie monströs aufgeladener Lebensfries in Weiss, von Schwarz verwundet. Die Künstlerin zählt es rückblickend zu ihren wichtigsten Werken. Sechs Jahrzehnte nach seiner Entstehung hat es, gerade mit seiner Kritik an den bestehenden (männlich dominierten) Machtverhältnissen, nichts von seiner Aktualität verloren. 1966, vier Jahre nach ‹King-Kong›, wird die Künstlerin ihr Publikum ins Innere «der grössten Hure der Welt» locken und 1967 fordern: «Les Nanas au pouvoir». Sie und viele für Aussenbereiche erfundenen Grossfiguren sind im Modell oder in Bildzeugnissen präsent und lassen die Magie aufblitzen, die in Nikis real gewordenen Traumwelten, allen voran dem ‹Tarotgarten› in Italien, die Menschen verzaubert. Es ist, wie Becker sagt: «Ihre Kunst ist ohne Attitüde und Arroganz, und niemand kann sich ihr entziehen.» 

Bis 
08.01.2023
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Niki de Saint Phalle 02.09.202207.01.2023 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass
Künstler/innen
Niki de Saint-Phalle

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