Richard Kennedy

Richard Kennedy · Awake in a Nightmare, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur

Richard Kennedy · Awake in a Nightmare, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur

Richard Kennedy · The War of the Rosé, 2021, Acryl auf Leinwand, Sportnetz, ca. 270 x 420 cm, Courtesy Peres Projects, Berlin

Richard Kennedy · The War of the Rosé, 2021, Acryl auf Leinwand, Sportnetz, ca. 270 x 420 cm, Courtesy Peres Projects, Berlin

Hinweis

Richard Kennedy

Winterthur — Schrill, schräg und subversiv sind die Arbeiten von Richard Kennedy (*1985). In Kontrast dazu nimmt sich sein Name wie ein ironisches Amalgam aus dem Vor- bzw. Nachnamen zweier ehemaliger US-Präsidenten aus. Dem Klischee, weisser Cis-Mann aus gutbürgerlichem Haus, entspricht der Afroamerikaner jedenfalls ebenso wenig wie seine knallbunte Kunst. Bereits der Auftakt der Schau provoziert: Auf dem Boden steht ein monumentales Dreieck, darauf eine schwarze Schaufensterpuppe und unter einer Glasvitrine bemalte Stiefel mit der Aufschrift «Gay». Darüber schwebt eine an der Decke montierte Webarbeit, die sich aus Streifen zerschnittener Malereien zusammensetzt, die Kennedy in ein Sportnetz gewoben hat. Noch am Eröffnungsabend dienten einige ausgestellte Arbeiten als Requisiten der Klang- und Gesangs-Performance ‹Dread/Rest›, die der Künstler mit seiner fünfköpfigen Crew aufgeführt hat. Nun sind sie zu Kunstwerken avanciert, ihre szenische Verwendung Vergangenheit. Während die dreieckige Bodeninstallation mit dem Glitzer-Glamour-Touch an eine extravagante Tanzfläche gemahnt, weckt die androgyne Puppe in gewagter Latex-Kleidung und befestigtem Reifrockgerüst mit aufblasbaren Kunststoffmaschen Assoziationen an ein Kostüm für einen Pride-Anlass. Der Schmuck aus Dreadlocks und Federn indes, der ihrem Kopf aufgesetzt ist, könnte einer ethnologischen Sammlung entstammen. Das, was uns Kennedy hier zeigt, ist ein Konglomerat kultureller Versatzstücke: ‹tbt›, so der Name der Arbeit, vereint exotische Haarpracht mit viktorianischer Ballkultur und aufreizendem Stripperkostüm. Hier geht es um Transgression, um das Aufbrechen kultureller, modischer und geschlechtlicher Grenzen sowie letztlich um einen ungezwungenen Umgang mit kultureller Aneignung.
Das Faible des Künstlers, europäische Traditionen in den Dienst der queeren afroamerikanischen Erfahrung zu stellen, zeigt auch die auf einen Sockel gestellte Büste ‹Prophetess› neben dem Eingang zum Seitenlichtsaal: Durch die ausgestreckte Zunge konterkariert der keinem spezifischen Geschlecht zuzuordnende Gipskopf mit den afrikanischen Gesichtszügen die westliche Tradition der Büste, die gewöhnlich das hehre Antlitz einer berühmten Person trägt. Weniger in Abgrenzung als vielmehr in Analogie zur westlichen Tradition lesen sich die leeren Kasernenbetten im Seitenlichtsaal. Im musealen Kontext werden die rohen Gerüste zu Readymades, die zusammen mit dem Ausstellungstitel ‹Awake in a Nightmare› Assoziationen an ein Gefängnis oder an Militärbunker wecken. Auf diese Weise konterkarieren sie die leuch-tende Fröhlichkeit der ungegenständlichen Malereien an den Wänden.
Auch wenn Kennedys Kunst dazu anregt, über gesellschaftlich relevante Themen nachzudenken: Konkrete politische Aussagen sind ihr keine zu entnehmen. Stattdessen müssen seine exzentrischen Arbeiten als Vexierspiel mit offenem Ausgang gelesen werden. 

Bis 
14.11.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Awake in a Nightmare — Richard Kennedy 25.09.202213.11.2022 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Tiziana Bonetti
Künstler/innen
Richard Kennedy

Werbung