David Shrigley in der Galerie Francesca Pia

David Shrigley · sans titre, 1997, Encre sur papier, 25,4 x 20,3 cm; Foto: NB, Courtesy Yvon Lambert, Paris

David Shrigley · sans titre, 1997, Encre sur papier, 25,4 x 20,3 cm; Foto: NB, Courtesy Yvon Lambert, Paris

Besprechung

Ob sein lapidarer Stil, sein konzeptuell eingesetztes ungelenkes Zeichnen Kunst sei oder nicht, kümmert den Glasgower David Shrigley (*1968) wenig. Er weiss um die Gratwanderung zwischen high und low, die er meisterhaft beherrscht und die sowohl das Markenzeichen seiner bisherigen Bücher wie der in Paris ausgestellten Einzelblätter ist. Im Dezember stellt der Künstler in der Galerie Francesca Pia in Bern aus.

David Shrigley in der Galerie Francesca Pia

«My first item would be a pen(...) and I’d take my hardback sketchbook», meinte David Shrigley in einem Interview auf die Frage, was er retten würde, wenn sein Schiff vor einer einsamen Insel kenterte. Shrigley ist tatsächliche ein passionierter Zeichner, welcher der Welt meist zu Leibe rückt, indem er sie mit dem Stift kommentiert. Und diese Welt ist, wie könnte es anders sein, weder heil noch harmonisch. Auch wenn der erste, flüchtige Eindruck der Ausstellung mit ihrer losen Hängung und den direkt auf die Wand fixierten Blättern so freundlich erscheint, dass das Ganze wirkt wie Kinderzeichnungen in einem Schulzimmer. In krakeliger Schrift steht da zudem auf einem Papier:«My childhood: beautiful, happy, never to be repeated». Ja leider, möchte man für diesen Glücklichen mit Bedauern sagen, würden die im Comicstil dazugezeichneten strengen Gesichter nicht schonungslos und mit schwarzem Humor jede blinde Nostalgie vereiteln.Die einzelnen kleinformatigen Blätter von David Shrigley funktionieren wie minutiös geplante kleine Einakter. Mit schwarzem Stift – neu verwendet er auch Pinsel und Farbe – und mittels Fotocollage entwirft er einzelne Szenerien mit oder ohne Text. Er fokussiert den Menschen im Alltag mit seinen oft unreflektiert verrichteten Gesten, er erfindet Situationen, die ans Absurde grenzen. Kurz: er spitzt die Realität so zu, dass sein «Abbild» von ihr zum subkutanen Schnitt in den oberflächlich geordneten Verlauf der Welt wird. Die kindliche Malerei – ein stacheliger Kaktus und blaue Vögel – verliert ihre Unschuld, wenn sich die rotleuchtenden Blüten als Blutstropfen entpuppen. Die Situation des schlacksig vornüberhängenden Jungen mit hochrot angelaufenem Kopf, der das Lieblingswerkzeug seines Vaters verschluckt hat und dieses nun herauswürgen muss, ist einfach grausam. Wie in seinen Büchern gibt es aus diesem unerbittlichen Kosmos von David Shrigley kein Entrinnen: Die – soziale – Realität ist wie sie ist, und Shrigleys britischer Humor, gewürzt mit einer Prise trockenem Sarkasmus, seine messerscharfe und zugleich menschliche Antwort darauf.Allerdings lesen sich die «Einblatt-Dramen» dieses kritischen Zeitgenossen immer noch besser in der dafür wohl geeigneteren Buchform. Die Galerienausstellung in Paris kann da – noch – nicht vom Gegenteil überzeugen. In Bern bei Francesca Pia vom 3.12.–15.1.


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Milieu Schweiz Bern
Autor/innen
Elisabeth Gerber
Künstler/innen
David Shrigley

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