Kunsthalle Wien, «Lebt und arbeitet in Wien»

Anna Jermolaewa · 3’ Überlebensversuche, 2000, Video 3 min., Videostill

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Besprechung

Das Konzept nationaler beziehungsweise geografisch sortierter Gruppenausstellung ist gleichermassen fragwürdig und beliebt. Denn während Informationen über Herkunfts- und Aufenthaltsorte von KünstlerInnen kaum mehr als der Status von lapidaren Fussnoten zukommt, lassen sich auf diesem Nenner leichtfüssig konträrste Positionen vereinigen.

Kunsthalle Wien, «Lebt und arbeitet in Wien»

Dass darin die Chance liegt, mit einer Ausstellung das Klima einer Region zu spiegeln, beweist die vom Kuratorenteam Paulo Herkenhoff (Kurator am MOMA in New York), Maaretta Jaukkuri (Chefkuratorin Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki) und Rosa Martinez (unter anderem designierte Direktorin der Barcelona Triennale) organisierte Show «Lebt und arbeitet in Wien» in der Kunsthalle Wien. Zeitgleich findet in der Kunsthalle Krems (bis 26.11.) eine ebenfalls national ausgerichtete Ausstellung statt, die der Kremser Kurator Wolfgang Denk mit der kryptisch-poetischen Wortfolge «Milch vom ultrablauen Strom» betitelt.Wolfgang Denk, seit Jahren auf das Engste mit der lokalen Szene vertraut, präsentiert Kunst seit den sechziger Jahren, insgesamt vierzig ÖsterreicherInnen. Das internationale Team dagegen, szene-unkundige Spezialisten, wählte sechsundzwanzig Positionen aus einer bemessenen Zahl ausführlicher Besuche in Wiener Galerien und Ateliers aus. Lassen sich diese unterschiedlichen Voraussetzungen in den Ausstellungen ablesen? Jein. Einige – wenige – Namen tauchen in beiden Listen auf (Elke Krystufek, Edgar Honetschläger, Gelatin, Anna Jermolaewa). Andere dagegen sprechen für die je spezifischen Ansprüche. So entschied sich das Kuratorenteam gegen einen repräsentativen Querschnitt und für eine Suche nach dem «geistig kulturellen Klima» dieser Stadt. Dank des politischen Umschwungs stiessen sie auf eine unerwartete Politisierung. Während ein vierter Kurator, geprägt durch den Regierungswechsel im Februar, die originelle Konsequenz zog, aus dem Projekt auszusteigen (um das Konzept dann im Alleingang unter nahezu identem Titel in Fribourg zu zeigen), integrieren die drei anderen das Klima in ihr Konzept: Sie präsentieren ein Stadtporträt. Der begleitende Katalog gleicht im Design einem Stadtführer, der in den Texten unmissverständlich zur politischen Lage Österreichs Stellung bezieht. Und auch aus der Künstlerauswahl spricht deutlich ein Bewusstsein der besonderen Situation. So erhalten hier neben bekannten und weniger bekannten KünstlerInnen (Lois Renner, Erwin Wurm, Gregor Zivic, Ruth Kaaserer, Wolfgang Capellari) auch solche Positionen eine Bühne, die in einer Gruppenausstellung überraschen: die «Lomographische Gesellschaft», ein Club von Hobbyfotografen, oder das «museum in progress», Österreichs seit Jahren höchst erfolgreiche Konzeptions- und Organisationsstelle für Kunst in den Medien. Dazu gehört aber vor allem Julius Deutschbauer, der mit seinen selbstorganisierten Projekten und Aktionen meistens ausserhalb institutioneller Zusammenhänge agiert. Gerade seine «Bibliothek der ungelesenen Bücher» zeigt die Unterschiede der beiden Ausstellungen am deutlichsten, denn während in der «Milch vom ultrablauen Strom» die Kunst ausserhalb gesellschaftspolitischer Zusammenhänge präsentiert wird, integriert «Lebt und arbeitet in Wien» auch nicht-werkorientierte Positionen. Interessanterweise sprechen allerdings die Ausstellungsarchitekturen eine den Konzepten gegenteilige Sprache: In Krems vertragen die Werke ihre unverstellte gegenseitige Nähe, in Wien sind die einzelnen Positionen in weissen Schachteln voneinander abgeschirmt – auch dies ein Mosaikstück im Bild des geistig-kulturellen Klimas Wiens?


Bis 
03.03.2001

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