Umgarnung

Ins and Outs, 2000, Acryl auf Leinwand, 198 x 300 cm

Ins and Outs, 2000, Acryl auf Leinwand, 198 x 300 cm

Mirage, 1999, Acryl, Ziermünzen und Faden auf Leinen 70 x 190 cm

Mirage, 1999, Acryl, Ziermünzen und Faden auf Leinen 70 x 190 cm

Fokus

Die Malerei des in London lebenden niederländischen Künstlers Michael Raedecker mutet seltsam organisch und lebendig an. Aus den Leinwänden formen sich Fäden und Wollknäuel zu Bäumen, Stickereien zu Flechten und Farbwürmer zu Gras. Raedeckers Kreuzung von kunsthandwerklicher Technik, medialen Anleihen und dem illusionistischen Potenzial der Malerei generiert zutiefst verführerische und atmosphärische Bildfindungen.

Umgarnung

Zur Malerei von Michael Raedecker

Eigentlich wolle er mit seiner Malerei, so sagte Michael Raedecker im Gespräch, nur ein Glücksgefühl zurückgewinnen und vermitteln können, das wir alle als Kinder noch zu spüren imstande waren. Ein Gefühl etwa wie dasjenige eines Schülers, der nachmittags schulfrei haben wird. Angesichts der massenmedialen Überflutung erscheint Raedeckers Anspruch an die Möglichkeiten malerischer Bildproduktion mit grosser Leichtigkeit formuliert. Ein Glücksgefühl zu vermitteln, meint nämlich zu erfreuen, was wiederum etwas mit Unterhaltung zu tun hat. Malerei darf und muss sich folglich an der Verführungskraft anderer Bildwelten wie Film, TV und Computer Game messen lassen. Raedeckers hybride Bildfindungen speisen sich deshalb auch aus unterschiedlichsten Reservoirs, wobei sich seine Motive vor allem auf Landschaften, Innenräume und einsame Häuser konzentrieren. Den Referenzrahmen der künstlerischen Arbeit bildet also zugleich eine kanonische Gattung der Malerei, während in den Interieurbildern Einrichtungskataloge und Magazine der fünfziger und sechziger Jahre als Vorlage dienen.

Eintauchen Mittel, um die verlorengeglaubte Verführungskraft wieder oder erstmals überhaupt zu erlangen und daraus eine einnehmende Dichte hervorzubringen, ist in erster Linie ein virtuoses Wechselspiel von Oberfläche, Farbigkeit und Raumkonstruktion. Die ausgewaschenen Landschaften, seien sie nun hellbraun oder nächtlich graugrün gehalten, sind meist monochrom. Ihre Oberfläche ist von Stickereien durchzogen, mit textilen Resten, Fäden und Garn versehen. In der grossformatigen Arbeit «Ins and Outs», 2000, etwa bezeichnen die Fäden nicht nur alle Linien und entindividualisieren von Anfang an den zeichnerischen Duktus, sondern sie versuchen ebenso, das von ihnen Dargestellte nachzuahmen. Die Bäume repräsentieren nicht bloss Bäume, sondern sie geben vor, tatsächlich aus dem Bild heraus zu wachsen. Flechtenartig geht das Garn in die Farbe und die Leinwand über und es scheint, als hätte sich die sonst so artifiziell wirkende Natur bereits der Kunst bemächtigt und das Gemälde überwuchert. Die taktile Erscheinung von Bäumen und Büschen, die Schlagschatten, der radikale zentralperspektivische Raumaufbau und das hell strahlende, sonst menschenleere einsame Haus haben alle zum Ziel, einen plausiblen, «intuitiven» Realismus zu konstruieren, der den Betrachter die Medialität der Malerei für kurze Zeit vergessen machen will. Landschaften werden daher nicht nur in einem metaphorischen Sinn als Imaginationsfläche den eigenen Projektionen zugänglich gemacht, sondern sie erscheinen leibhaftig betretbar.

Vertrautheit Wenn gesagt wurde, die Medialität sei für kurze Zeit abhanden gekommen, bedeutet dies nicht, dass Michael Raedeckers Malerei sich nicht selbst legitimieren müsste. Nur tut sie dies unorthodox gleichgültig, setzt zwar unterschiedlichste Reflexionsebenen vom Trompe l’?il bis zur Oberflächenstruktur dafür ein, doch letzten Endes unternimmt sie den permanenten Versuch, den Betrachter zu umgarnen. Die Zugänglichkeit der Landschaftsbilder und auch der Interieurs ist daher über die verführerische Qualität und die grossen Formate hinaus auch Ergebnis eines präzisen Umgangs mit einer kinematografischen Bildsprache. Weitwinkelaufnahmen, die Wahl der Perspektive und auch die modernistisch anmutenden Häuser evozieren eine dumpfe Erinnerung des bereits Bekannten und Vertrauten. Die Häuser und Innenräume kennen wir alle aus dem Fernsehen, haben sie sich uns doch während unserer Sozialisation tief im Innern eingeschrieben und mit ihnen die dazugehörigen Erzählungen. Auch das menschenleere Schlafzimmer in «sensoria», 2000, gibt sich in seiner Ausschnitthaftigkeit rasch als Kameraeinstellung zu erkennen und stellt daher sofort die Frage nach Ab- und Anwesenheit der potentiellen Bewohner. Dieser vermittelte Blick in die intime Stube ist einer subjektiven Kamera Hitchcocks gleich getrübt und an der Oberfläche der Leinwand formieren sich leise psychedelische Sehstörungen aus Wolle und Faden.

Verworren und verschlungen Michael Raedeckers Malerei mag einen nostalgischen Eindruck vermitteln, gerade weil sie sich medialer Vorbilder der eigenen Kindheits-zeit bedient. Komplexe Zeitkonzeptionen überlagern und schichten sich jedoch, wohin man blickt: die unmittelbare narrative Ebene ist sowohl in den einzelnen Bildern angelegt als auch in der jeweils installativen Ausstellungshängung, welche durch die Kombination ähnlicher Motivgruppen und Farbigkeiten die Abgeschlossenheit des einzelnen Gemäldes umgeht und letztlich intensiviert. Bei den Landschaftsbildern hingegen umschliesst sich durch die surreal und unheimlich erscheinende Traumwelt eine Dimension der Zeitlosigkeit mit Science-Fiction Visionen, deren Zukunft Erinnerung ist. Malen wie auch Sticken sind an sich schon raumzeitliche Handlungen, die das unerbittliche Fliessen der Welt immer in sich tragen. Bei Michael Raedecker haben sich nun die Wachstumsprozesse verselbständigt und es scheint, als würden die Werke gemeinsam mit dem Künstler und Betrachter altern.


Mit Michael Raedecker wird das neue «Center of Contemporary Art», Rom, unter Leitung von Paolo Colombo voraussichtlich im kommenden April eröffnet.

Autor/innen
Philipp Kaiser
Künstler/innen
Michael Raedecker

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