Adorno im Kunstverein

Sarah Morris · Henrik Plenge Jakobson, Cerith Wyn Evans, Ausstellungsansicht, 2003, Foto: Gregor Jansen

Sarah Morris · Henrik Plenge Jakobson, Cerith Wyn Evans, Ausstellungsansicht, 2003, Foto: Gregor Jansen

Besprechung

Die Ausstellung – die Einzige (sic!) zum 100-jährigen Jubiläum des Philosophen – will sich produktiv mit dem nach wie vor radikalen Potenzial von Adornos Überlegungen zu Kunst, Kultur und Gesellschaft
auseinander setzen.

Adorno im Kunstverein

Die Kuratoren Nicolaus Schafhausen und Vanessa Joan Mueller bekennen offenherzig, dass Adorno ihr Programm und damit wohl auch diese ihm gewidmete Ausstellung bestimmt nicht gefallen hätten. Jedoch ist dies nicht verwunderlich, stellt man die Wirkungsweise von Gruppenausstellungen, die Funktionslosigkeit als utopische Funktion der Kunst oder gar den Selbstvernichtungsdrang der Werke zur Debatte, wie dies der Cheftheoretiker der Moderne und Verfasser der letzten Ästhetischen Theorie forderte. Dass gerade die darstellende Kunst eine vordergründig sekundäre Rolle in Adornos Werk spielt, verstehen die Kuratoren dabei als produktive Leerstelle, die in der prospektiven Weiterführung seiner Gedanken die Idee von Souveränität und Autonomie zur Diskussion stellt. Wunderschön anzusehen sind konzeptuelle Schlüsselwerke der sechziger Jahre von Ad Reinhardt, Art & Language, Gustave Metzger, Bruce Nauman und Gerhard Richter und eine Fortführung in neu entwickelten, auf Adorno sich beziehende Arbeiten von Cerith Wyn Evans, Markus Schinwald, Peter Friedl oder Henrik Plenge Jakobson.

Erstaunlich positiv wirken die eingestreuten Zitate – aus dem im Spätwerk entwickelten Ästhetik-Buch – in Nachbarschaft zum Medium der bildenden Kunst mit durchaus auch humorvollen Bezügen, allen voran Jonathan Monk und Euan Macdonald. Martin Creed beleuchtet oder verdunkelt im 30 Sekunden Takt das Untergeschoss mit Lawrence Weiner, Carl Andre und Christopher Williams Renault Dauphine-Four. Licht spielt auch eine wichtige Rolle bei Friedls Text neon, Martin Boyce Hänge-Rietveld und Evans Morsecode. Maria Eichhorn stellt Wasser, Andreas Slominski Staubtücher und Sarah Morris Architekturfassaden vor. Die einzige der von Adorno so verehrten Musik verbundene Arbeit stammt von Mathias Poledna – eine wunderschön inszenierte Westernfilmvertonung im Tonstudio als 16 mm-Film.

Die Möglichkeit des Unmöglichen führt das radikale Potenzial von Adornos Überlegungen zu Kunst, Kultur und Gesellschaft weiter. Wenn Kunst jener ästhetische Raum von Utopie ist, der an anderer Stelle noch nicht realisiert ist und stellvertretend für das Andere, für das aus den Produktions- und Reproduktionsprozessen Ausgenommene steht, dann äussert sich hierin die für das Denken Adornos zentrale Hoffnung, zumindest in der Kunst könne sich eine Alternative zu den bestehenden Verhältnissen andeuten. Wie diese Kunst aussehen könnte, versucht die Frankfurter Ausstellung zu beschreiben – und fordert förmlich die Re-Lektüre seiner Theorie: «Alle Kunstwerke, und Kunst insgesamt, sind Rätsel. [...] Dass Kunstwerke etwas sagen und mit dem gleichen Atemzug es verbergen, nennt man den Rätselcharakter unter dem Aspekt der Sprache.» Und an anderer Stelle: «Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt passt.» Isabelle Graw darf dann auch mutig im zweibändigen Katalog schreiben: «Adorno ist unter uns».

Bis 
03.01.2004

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