Chen Zhen im Palais de Tokyo

Chen Zhen · Precipitous Parution, 1999 (Drache); Foto: Jens E. Sennewald/texte&tendenzen

Chen Zhen · Precipitous Parution, 1999 (Drache); Foto: Jens E. Sennewald/texte&tendenzen

Besprechung

Drachen aus Gummireifen, Kinderhütten aus Kerzen, Trommeln aus Betten: zum ersten Mal zeigt in Paris eine grosse monografische Ausstellung die Objekte von Chen Zen. Der in diesem Jahr weltweit mit Retrospektiven geehrte chinesische Künstler wird mit «klangvoller Stille» als Meister der multikulturellen Installation inszeniert

Chen Zhen im Palais de Tokyo

Zaghaft nähern sich zwei junge Frauen einem grobhölzernen Bett, das mit einer Kuhhaut bespannt ist. Vorsichtig berühren sie das Trommel-Fell, beginnen, einen leisen Rhythmus zu schlagen. Jetzt schlägt auch auf der anderen Seite der raumgreifenden Installation ein Besucher beherzt auf einen Pauken-Stuhl. Der grosse Ausstellungsraum des Palais de Tokyo füllt sich mit wohltuenden Vibrationen.

So muss er es sich vorgestellt haben, der in Shanghai geborene Meister der Interferenzen: trommelnd die Alltagssituation der Kunstausstellung überwinden, dem Stress entfliehen. Heilen mit Kunst wollte Chen Zhen (*1955), der aus einer Mediziner-Familie stammte und vor drei Jahren nach langer Krankheit verstorben ist. 1986 zog er nach Paris, von seiner Wahlheimat aus bereiste er die ganze Welt.

«Transexpérience» ist Leitbegriff des Objekt-Poeten, für ihn «eine Art zu denken und eine künstlerische Methode». Erfahrungen in kulturellen Zwischenräumen konfrontieren auch mit Ängsten und Gewalt. Eine gewisse Aggressivität geht von Chen Zhens Arbeiten aus, der Einfluss von Fluxus und Dieter Roth ist spürbar. Unter kopfüber hängenden Buddha-Figuren, mit Stricken in einem Wald aus Müll und Bambus verschnürt, meditiert es sich nicht unbeschwert. Auch die Kinderstühle, beklebt mit Häusern aus bunten Kerzen, chinesisches Symbol für das Individuum, erregen Unbehagen. Der Künstler als Therapeut: das hat auch eine obsessive, eine peinigende Seite.

Die Ausstellung versammelt bisher wenig Gezeigtes aus den neunziger Jahren, in denen der Künstler zu einem sicheren und kraftvollen Gestus gelangte. Eigentlich eine Schau für das Centre Pompidou, gemeinhin zuständig für die «Pantheonisierung» wichtiger Zeitgenossen. Das Palais de Tokyo würdigt Chen Zhen als Pionier und Vorbild gegenwärtiger Positionen. Seine Arbeit an der Unterschiedlichkeit der Kulturen, an einer «citoyenneté mondiale» sind im Zeitalter auch künstlerischer Globalisierung hoch aktuell. Das oft als zu trendy gescholtene Haus zeigt kunsthistorische Seriosität und Chen Zhen als Meister der Gegenwartskunst. Katalog mit einem Vorwort von Harald Szeemann, 478 Seiten (französisch/englisch) Euro 75.–. Zur Ausstellung erscheint ebenfalls ein Band mit Interviews des Künstlers (Chen Zhen., Les entretiens. Dijon: Les Presses du réel, 2003), herausgegeben von Jérôme Sans.

Bis 
17.01.2004
Autor/innen
J. Emil Sennewald
Künstler/innen
Chen Zhen

Werbung