Dubiose Systeme

Till Velten (*1961) lebt und arbeitet in Weil am Rhein und Basel.

Till Velten (*1961) lebt und arbeitet in Weil am Rhein und Basel.

Dubiose Systeme/Videokoje, 2003, Museum Blumenstein, Solothurn

Dubiose Systeme/Videokoje, 2003, Museum Blumenstein, Solothurn

Fokus

Der Künstler Till Velten beschäftigt sich in vielen seiner Arbeiten mit sozialgeschichtlichen Themen
aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Die gewonnenen Erkenntnisse transferiert er in einen allgemeinverständlichen Kunstkontext.

Dubiose Systeme

Till Veltens neue Projektreihe

«Dubiose Systeme» ist der Titel eines Forschungsprojekts, bei dem sich der Künstler Till Velten mit Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen beschäftigt. Dabei verwendet er den Begriff des Dubiosen eher im Sinn einer privaten, denn einer undurchsichtigen Angelegenheit.

Das Projekt «Was ist eigentlich los im Blumenstein» beginnt mit einer Befragung der Angestellten des Solothurner Museums Blumenstein. Aus den Gesprächen über Zeiterfahrung, Klosterleben und Familienbanden entstand eine Ausstellung mit Videofilmen und einer Begleitpublikation. Die aufgezeichneten Gespräche lesen sich wie Kriminalgeschichten, wobei die Beteiligten wissen, dass sie Teil dieser Verstrickungen sind. Es geht Velten nicht um die Überführung eines Schuldigen, sondern um das Aufzeigen von isolierten und verwobenen Systemen. Veltens Interesse gilt beidem: der exakten Erforschung der Umstände, als auch dem Eingliedern der Resultate in einen Kunstkontext. Beim Blumenstein-Projekt löste diese Vorgehensweise Fragen nach dem ursprünglichen Standort des wertvollsten Stücks der Sammlung, einer kompliziert gebauten und bemalten Uhr aus, nach den Personen, die dort wohnten, ihren Kontakten innerhalb der Stadt Solothurn und deren Geschichte, die durch eine Kumulation von Ereignissen in die aktuelle Tagespolitik rückte. Für den Kunstkontext werden die Erkenntnisse, so Velten, einem totalen Bruch unterworfen, welcher die Materie abstrakter aufbereitet. Im Blumenstein standen zwei beichtstuhlähnliche Kabinen, in welchen Videoarbeiten liefen, welche die persönlichen Bekenntnisse der Teilnehmenden festhielten. Zudem erklärte eine Wandzeichnung den Ablauf und die Unterbrüche des Projektes, sozusagen ein kristallines Extrakt der Forschungen.

«SPUK» fand im Kunstverein Freiburg in Zusammenarbeit mit der dortigen Leiterin Dorothea Strauss statt und befasste sich mit der ortspezifischen parapsychologischen Tradition. Unter Mithilfe des Leiters der parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg, Dr. Walter von Lucadou und seiner Mitarbeiterin, versuchten die Beteiligten sich aus unterschiedlichen Richtungen dem Unerklärlichen zu nähern. Neben der in den Kunstverein verlegten telefonischen Beratungsstelle, die aus Diskretionsgründen in einer schalldichten Kabine von einer Angestellten dieses Instituts vorgenommen wurde, fanden verschiedene Vorträge statt, die zeigten, wie theoretische Konzepte und psychologische Beratung miteinander verknüpft werden. Zudem konnten in der Lounge Fachliteratur und Briefe an die Beratungsstelle, sowie in der Videolounge PSI-Stories konsultiert werden. Neben der spannenden Recherche war das Begleitprogramm mitsamt den zahlreichen Veranstaltungen als eigentliche dokumentarische und künstlerische Arbeit konzipiert, die während einer bestimmten Zeitdauer in einem mehr oder weniger musealen Kontext inszeniert wurde.

«Kiosk» basiert auf einem Gespräch, das Till Velten mit Urs Merkle führte, der über seine Erfahrungen im Grenzbereich von Leben und Tod berichtete. Seine individuellen Erlebnisse und Zustände werden in einer Installation in der Galerie Stampa in Basel mittels Projektionen und Toncollagen vermittelt. Gleichzeitig findet dort die Projektreihe mit einem Überblick ihren Abschluss.

Beeindruckend, mit welcher Konsequenz Till Velten seine sozialhistorischen Forschungen in den Kunstkontext einbindet, sei es, dass er es selbst tut, oder dass er wie im Fall von «Kiosk» von seinen Gesprächspartnern dazu aufgefordert wird. Dabei agieren sowohl der Künstler als auch die Beteiligten als autonome Akteure. Die entstandenen Produkte zeugen von Respekt für individuelle Positionen und Lebensentwürfe, die durch den Kunstkontext nach aussen hin kommuniziert werden.

Ich hatte stets das Gefühl, dass mir die ausschliessliche Beschäftigung innerhalb des Kunstbereichs nicht genügen würde. Ich begann ein Studium der Kunstgeschichte und Philosophie, was mir wiederum ermöglichte, meine gesellschaftlichen Forschungen auszudehnen und zu intensivieren. Mich interessiert es, die Resultate dieser Geschichten in den Kunstkontext zu transferieren. Wie bei einer Detektivarbeit wird dabei ein präzises Vorgehen und Umsetzen verlangt, Fehler kann ich mir dabei, auch wegen der oft beteiligten Personen, keine leisten, sonst katapultiere ich mich selbst aus dem von mir konstruierten System. (TV)

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
STAMPA Schweiz Basel
Autor/innen
Simon Baur
Künstler/innen
Till Velten

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