Gambarogno Arte 2003

Tony Cragg · Not titled yet (Sandstein), 2003, 290 x 70 x 80 cm; Foto: Christiann Pfaff, Courtesy the artist

Tony Cragg · Not titled yet (Sandstein), 2003, 290 x 70 x 80 cm; Foto: Christiann Pfaff, Courtesy the artist

Besprechung

Harald Szeemann hat im idyllischen Tessiner Dorf Vira Gambarogno eine Freilichtausstellung mit Werken von über dreissig, meist international bekannten Künstlern und Künstlerinnen eingerichtet. In Ascona finden sich noch Ausläufer mit repräsentativen Werken von Tony Cragg, Mario Merz und Niele Toroni.

Gambarogno Arte 2003

«Was soll denn das noch mit Kunst zu tun haben», befragt mich ein Dorfbewohner und weist, keine Widerrede duldend, auf «Double Torus» von Richard Serra und die Hände-Wasch-Anlage «Clean Point» von Fabrice Gygi. Im gleichen Atemzug – wie um mir implizit seinen Kunstbegriff des Guten, Schönen und Wahren beizubringen – schwärmt er vom jährlichen Wettbewerb um die schönste Krippe im Dorf, bei dem jedes Haus partizipiert. Just dieses jährliche Ereignis hat Harald Szeemann zur Auswahl für die siebte internationale Ausstellung «Gambarogno Arte 2003» inspiriert.

Der Wahl-Tessiner hielt die teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen an, ihre Installationen von den architektonischen und sozialen Gegebenheiten des Ortes her zu gestalten. Zu sehen sind nun neben reinen Skulpturen Werke in anderen Medien und Arbeiten, die das im Dorf entschwundene bäuerliche Leben thematisieren. Damit hat sich Szeemann von den bis anhin ausschliesslich der Skulptur gewidmeten Ausstellungen verabschiedet, die seit 1968 alle paar Jahre in Vira stattfinden und auf eine Idee des Bildhauers Edgardo Ratti zurückgehen.

Sehr poetisch gestaltet sich der Weg vom Schiffssteg, der über eine steinerne Treppe zum Kirchplatz und von da, sich verzweigend, zur Haupt- und Durchgangsstrasse des Dorfes führt. Empfangen wird der Schiffsreisende von den im Wind flatternden Fahnen von Niele Toroni. Neben hinlänglich bekannten Werken von Ulrich Rückriem, Mario Merz, Royden Rabinowitch, Günther Förg, Hans Josephson, Lori Hersberger und anderen bergen die engen Gässchen, die Seepromenade und der Rand des Ortskerns mitunter schöne Überraschungen. So erblickt man auf dem Kirchplatz unter den Arkaden der Kirche eine mannshohe Figur, die ein Ziegeldach auf ihrem Rücken trägt. Farblich ist sie auf das Gemäuer der Kirche abgestimmt und suggeriert zunächst die Skulptur eines Baukünstlers aus der Epoche der Entstehungszeit der Kirche. Der albanische Künstler Adrian Paci hat sie nach einem Abguss seines Körpers aus Harz geschaffen. Der mit Seilen am Rücken festgemachte Dachfirst wandelt sich aus der seitlichen Perspektive zu Flügeln, die das Dach seiner angestammten Schutzfunktion entheben, und sich so zu einer Metapher für das Ausgeliefertsein eines Emigranten verdichten. Als wären sie immer schon da gewesen, ziehen sich die zauberhaft-zarten Metopen von Eva Marisaldi, die die Menschen von Vira und das Wasser thematisieren, der Fassade der Casa Cattaneo entlang. Einen längst verlassenen, aber immer noch kraftvollen Kultort vor sich zu haben, vermutet man angesichts der beiden marmornen Langhäuser von Wolfgang Laib, die an der zum See abfallenden Mauer hervortreten. Dagegen hätte man auf die im Tal der Vadina auf dem Ateliervorplatz von Edgardo Ratti klotzig-düster auflauernden «Harkonnenstühle» mit -tisch und einem «Biomechanoid» von H.R. Giger nun wirklich verzichten können.

Die Objekte sind einfühlsam und strategisch an bedeutsamen Orten positioniert, sodass vielschichtige erzählerische Stränge erzeugt worden sind, die sich wie eine feingewobene Haut über das malerische Dorf am Lago Maggiore legen.

Bis 
30.12.2003

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