Gianni Motti in der Galerie Ars Futura

Gianni Motti · Ufo-Cult (Raël et Brigitte), 2003, C-Print, gerahmt,
70 x 100 cm, Ed. 3, 1/3

Gianni Motti · Ufo-Cult (Raël et Brigitte), 2003, C-Print, gerahmt,
70 x 100 cm, Ed. 3, 1/3

Besprechung

Mit Vorliebe hält sich der für seine provokativen Aktionen bekannte Gianni Motti am falschen Ort zur richtigen Zeit auf und erhebt dieses oft subversive Verhalten zu seiner zentralen Kunst-Strategie. Wachsam beobachtet er seine Mit- und Umwelt, um im gegebenen Augenblick zu reagieren. Dann infiltriert er die Medien, stellt ihre Machenschaften bloss, hinterfragt und manipuliert Pressebilder und verwirrt auch ganz gerne die zeitgenössische Kunstszene.

Gianni Motti in der Galerie Ars Futura

Am Abend der Ausstellungseröffnung in der Galerie Ars Futura legte sich Gianni Motti (*1958) während zehn Minuten auf eine Matte unter einem weissen Zelt und versuchte mit Raël, dem Botschafter der Ausserirdischen, in telepathischen Kontakt zu treten. Es herrschte absolute Ruhe im Raum, ein Zustand angespannter Erwartung, als plötzlich unter grossem Krach ein Bild von der Wand zu Boden fiel. Zufällig oder inszeniert? Nein, kraft telepathischer Kräfte, wie Gianni Motti uns augenzwinkernd zu verstehen gab.

Aus grossformatigen Fotografien blicken uns weissgekleidete Vertreter der Raël-Sekte milde und verklärt lächelnd entgegen. In einer Videoarbeit sieht man Raël, den Gründer der gleichnamigen Bewegung – der mit bürgerlichem Namen Claude Vorilhon heisst, Journalist und Rennfahrer war –, in smarter Pose neben einer verzückt lächelnden, verblichenen Schönheit dastehen. Der Sektengründer gibt sich als Botschafter der Ausserirdischen «Elohim», die zu biblischen Zeiten in das Menschheitsgeschehen eingegriffen haben sollen. Bei der Frau handelt es sich um Brigitte Boisselier, jene Ärztin, die vor fast einem Jahr, am 26. Dezember 2002, – einem Tag nach Christi Geburt – mit der Behauptung, sie habe das erste Baby geklont, einen medialen Aufruhr verursachte. Man wunderte sich damals wie heute, wie es ihr mit dieser beweislosen Behauptung gelungen ist, in die Titelseiten der Weltpresse zu gelangen. Die beiden «Raëlianer» spielen wie kleine Kinder mit Seifenblasen. Seifenblasen als Symbol ihrer wiedergewonnenen Unschuld, ihres geistigen Zustandes oder ihrer Botschaft? Das in diesen Arbeiten zur Schau gestellte Gut-Menschentum assoziert andere SektenführerInnen und suggeriert die mediatisierten Bilder von Politikern sowie ihre medialen Auftritte, welche hauptsächlich für deren Popularität sorgen. Schon in seiner diesjährigen Ausstellung im «Centre pour l’image contemporaine Saint-Gervais» in Genf wollte Motti für das Thema des Klonens sensibilisieren. Er lud einen Vertreter der Raël-Sekte zur Vernissage ein, der dann Traktätchen verteilte, die für das Klonen warben.

Gianni Motti, im Veltlin aufgewachsen und in Genf lebend, setzt sich mit seinen Aktionen bewusst Risiken aus. Stets unerwartet und aus dem Hinterhalt greift er in politische, soziale und kulturelle Veranstaltungen ein, deren Auswirkungen dann oft unerwartete Dimensionen annehmen können. Diese auch als «Hacken der Realität» apostrophierten Interventionen rechtfertigt der Künstler mit dem Hinweis auf das manipulative Handeln der meisten Politiker. Man mag versucht sein, Mottis Aktionen mit der Aktionskunst der sechziger und siebziger Jahre zu vergleichen, doch von der damaligen utopischen Kraft ist angesichts der heute weit verbreiteten Beliebigkeit und sozialen Verunsicherung kaum noch ein Glimmen übrig geblieben.

Bis 
23.12.2003
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Gianni Motti

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