Barbara Graf in der Villa am Aabach

Barbara Graf · Ohrkleid, Kairo 2003/04, Anatomisches Gewand XIV, Karton und Baumwolle, Haken und Ösen, Klettband. Foto: B. Graf

Barbara Graf · Ohrkleid, Kairo 2003/04, Anatomisches Gewand XIV, Karton und Baumwolle, Haken und Ösen, Klettband. Foto: B. Graf

Besprechung

Dass der Körper und das Kleid eigentlich eine konstruktive Angelegenheit sind, ist der Fundus des Kunstschaffens von Barbara Graf. Skelettkleider hiessen ihre frühen Arbeiten. «Anatomische Gewänder» sind es heute (unter anderem). Sie stehen im Zentrum der Einzelausstellung der zwischen Wien und Kairo pendelnden Schweizer Künstlerin in Yvonne Höfligers Villa am Aabach in Uster.

Barbara Graf in der Villa am Aabach

Barbara Graf (*1963 in Winterthur) kommt von der Malerei her, präziser von Maria Lassnig. Vor zwanzig Jahren sah sie die legendäre «Körperzeichen»-Ausstellung in Winterthur und fuhr alsobald nach Wien. Die «Body Awareness» richtet sie jedoch auf die Konstruktion des Körpers, das Skelett, das sie von innen nach aussen extrapoliert und in den 1990er-Jahren zum Kleid macht; aus ungebleichter Baumwolle, stabil und feinsäuberlich genäht. Auf der Haut getragen bei Performances oder auf Kleiderbügeln, später frei in den Raum gehängt. Der Gedanke des Kleides, des Körpers und der Skulptur entwickeln sich im Zeitlauf sowohl entlang kontextueller wie konstruktiver Prinzipien.

Vom Kleid nimmt sie den Stoff, die Faltbarkeit und von der Mode die Idee sich wandelnder Kombinationen. Vom Körper kommt das Selbstverständnis anatomischer Gegebenheiten - wir wissen alle wie ein Herz aussieht, obwohl wir es nur klopfen hören. Von der Kunst nimmt sie das Konstruktive, insbesondere der Skulptur und des Objektes, im Wissen um die schier unendliche Tradition des Körperbildes. Aus dieser Dreifaltigkeit entstehen in konsequent vorangetriebenen Entwicklungsschritten ganze und stets mehrteilige Kleid-Skulpturen aber auch Fragment-Reihen. Arbeiten aus Stoff und/oder verfestigter Kartonmasse, sowie Taschen, in die alle ihre Arbeiten nach einem gegebenen Plan verpackt werden können.

1996 weilte Barbara Graf im Atelier der Schweizer Städtekonferenz in Ägypten. Seither ist Kairo ihr Zweitwohnort und in leisen Schritten wird der Einfluss der altägyptischen Figurenwelten in ihrem Schaffen spürbar. Da ist zum Beispiel das neue «Ohrkleid», das Anatomische Gewand Nr. XIV. Es besteht aus sechs Gewandteilen aus Baumwolle, die durch Ösen, Haken und Klettband Körper und Kopf in klarer, skulpturaler Formsprache vermummen. Als überdimensioniertes Collier trägt die Figur einen Fächer mit zehn aus Kartonmasse geformten Teilen mit reliefierten Innenohrverläufen. Der Bezug zu den mit ornamentreicher Kleidung und Schmuck ausgestatteten ägyptischen Bildfiguren ist nicht unmittelbar, das bildnerische Repertoire aber ganz offensichtlich ein bereichernder Fundus für die Künstlerin. Dabei funktioniert das Ohrschild sowohl im Körperkontext sowie als autonomes, zehnteiliges Relief an der Wand - mit separater Tasche für den Bausatz und mit Performance-Potenzial. Wichtig und richtig, dass Barbara Graf ihre Arbeitspraxis anhand von Zeichnungen aufzeigt und damit den verblüffenden konstruktiven Ansatz der Formveränderungen und Formfindungen offen legt. Dazu kommen neuerdings «stroboskopische» Fotografien, die das Moment der Bewegung - das ebenso zu Körper und Kleid gehört - aufnehmen. Erstaunlich ist immer wieder, wie autonom Barbara Graf mit dem Kleid umgeht, es nicht eigentlich zu ausgestülpten Fühl-Köpern im Sinne Lassnigs macht, sondern viel eher die figürliche Skulptur im klassischen Sinn mit den Mitteln und den Kontexten, die dem Kleid eigen sind, um eine zeitgenössische Dimension erweitert.

Bis 
18.12.2004
Künstler/innen
Barbara Graf
Autor/innen
Annelise Zwez

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