Der Körper sieht mit

Zeljka Marusic (*1967 in Pozega) Kroatien, aufgewachsen in Schaffhausen, Hochschulen für Gestaltung und Kunst in Zürich und Basel. Lebt in Zürich.
Andreas Helbling (*1967 in Schaffhausen) Architekturstudium in Winterthur und Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich. Lebt in Zürich.

Zeljka Marusic (*1967 in Pozega) Kroatien, aufgewachsen in Schaffhausen, Hochschulen für Gestaltung und Kunst in Zürich und Basel. Lebt in Zürich.

Andreas Helbling (*1967 in Schaffhausen) Architekturstudium in Winterthur und Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich. Lebt in Zürich.

drifting world, 2004, Video-Doppelprojektion mit Audio, 14 min, geloopt

drifting world, 2004, Video-Doppelprojektion mit Audio, 14 min, geloopt

Fokus

Das Künstlerpaar Zeljka Marusic und Andreas Helbling stellt Bilder als intensives, körperliches Erlebnis vor, in dem Inneres und Äusseres sich verbinden. Jetzt zeigen die beiden neue Arbeiten in der Galerie Susanna Kulli in Zürich.

Der Körper sieht mit

Zu den materialisierten Bildern von Zeljka Marusic und Andreas Helbling

Bevor Zeljka Marusic ab dem vierten Schuljahr in der Schweiz ansässig wurde, hatte sie ihre ersten Lebensjahre in Kroatien verbracht. Seit einigen Jahren arbeitet sie mit Andreas Helbling zusammen. Gemeinsam reisen die beiden, suchten nach dem Krieg vor allem das ehemalige Jugoslawien auf, um - in die Schweiz heimgekehrt - festzustellen, dass die Bilder, die sie mit nach Hause brachten, wenig zu tun hatten mit denen, welche die Medien streuen. Diese Erfahrung wurde entscheidend für ihre weitere Arbeit, wurde zur Initialzündung, sich mit Bildern, ihrer Produktion und Rezeption auseinander zu setzen. Wie kann man Betroffenheit vermitteln und wie kann man den gängigen Bildern andere, eigene entgegensetzen? Produktive Inputs brachten die Auseinandersetzung mit Cultural Studies an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel und ein Videoschnittkurs, der es möglich machte, Medienberichte mit eigenen Bildern in einer Collage zu verbinden.

Marusic und Helbling gründeten 2001 das balkanTV, das bis heute in variierten Formen weiterläuft. Sie definierten sich selbst als Fernsehsender, kreierten ein Logo und begannen, ausgerüstet mit Kamera und Mikrophon, Leute anzusprechen. Erstaunt stellten sie fest, wie gern man ihnen die Rolle als professionelle Berichterstatter glaubte. Um aber nicht nur als rasende Reporter aufzutreten, sondern als Gegenüber, das sich selbst auch spürbar und erlebbar macht, bringen sie ihr eigenes Haus mit, schlagen jeweils ihr eigenes, aus Dachlatten und Klebeband schnell errichtetes Zelt auf, das als Raum funktioniert, in dem sie Arbeiten Schweizer KünstlerInnen zeigen und zu gemeinsamen Essen, Gesprächen oder auch einem Videoworkshop einladen können. Im eigenen Gehäuse ist das Fremde nicht mehr weit weg, sondern wird einverleibt - weniger konsumistisch formuliert: es wird zur eigenen Sache, zum eigenen Engagement gemacht.

Das Haus, die Höhle, der Innenraum sind seitdem Rahmen, in dem sie ihre Bilder bergen. Marusic und Helbling locken die Körper ihres Publikums, zu ihnen hereinzukommen, erst dann können sich die Bilder offenbaren. Man muss sich in monströse, an Zahnarzt- oder Gynäkologiestühle erinnernde Sessel sinken lassen, die Augen oder den ganzen Kopf in Sehkanäle recken, Höhlen beschreiten, um in ihrem Innern wie im Mutterleib Videobilder zu entdecken. Die Körper der Betrachtenden werden gleichsam konditioniert, müssen eine - wenn auch kleine - Reise hinter sich bringen, sich anderen häuslichen Verhältnissen anpassen. Dann können sie das Seltsame und Befremdliche auf sich wirken lassen. Bilder sind nichts Flaches, Fertiges, Fixiertes, das man im Vorbeigehen konsumiert, das sich aufdrängt oder gar schockt. Bei Marusic und Helbling werden Bilder eingepackt, verklebt, in Materielles eingeschlossen. Bilder und mit ihnen das Fremde, Andere können erst in gleichsam körperlicher Umarmung wirken. Wenn man sich ihnen zuneigt, neigen sie sich zurück und offenbaren ihr Mysterium. Körper und Bilder lassen sich nicht trennen.

Auf den Videobildern werden häufig ruhige, sich kaum verändernde, archaisch und traumhaft anmutende Szenarien gezeigt. Ein nackter Mann und eine nackte Frau rangeln, mit grossen Pappköpfen versehen, zärtlich provozierend miteinander herum. Zwei Schnecken schleimen sich im Liebesspiel ein. In einer arkadischen Landschaft guckt eine Frau aufs Meer hinaus und ein Schatten - vielleicht der von Pan - schleicht um sie herum. Vögel rauschen über die Himmelskuppel. Das Fremde, Andere, Magische kann sich in inneren, eigenen, im Schlaf der Vernunft produzierten Bildern entwickeln und wird dann gleichsam nach aussen gestülpt. Es kommt aber auch im realen Aussenraum vor, sofern man bereit ist, sich einzulassen.

Vom zweimonatigen Aufenthalt in Kairo anlässlich ihrer Beteiligung an der Biennale 2003 brachten Marusic und Helbling Videobilder mit, die das vom Auto aus aufgenommene Strassenleben eines touristenungewohnten Vororts der ägyptischen Hauptstadt zeigen: vor allem Männer im langen Gewand, die sich auf der Strasse aufhalten. Die schnittlose und ebenso wie die zugehörige Tonspur in Zeitlupe abgespielte Sequenz wurde im Ausstellungsraum mit einem anderen Videobild gekoppelt, das in sich wiederum Bilder von einem gelben, fast still stehenden Fluss mit Bildern von bombastischen, (noch) unbewohnten, neugebauten Tourismussiedlungen am Roten Meer vereint - wie eine Fata Morgana, ein Versprechen, das nicht halten wird, was es verspricht. Die zwei, eigentlich drei Projektionen, als «drifting worlds», 2004, zusammengeschlossen, wirken extrem fremd, fern und exotisch. Die Bilder fliessen nach rechts und links weg, lassen sich nicht fest machen. Farbstreifen wie Bewusstseinsströme kommen zusammen, laden sich gegenseitig mit Realitätsfetzen bzw. Traumhaftem auf. Die zugehörigen Töne, eher leise und undefinierbar gehalten, wirken wie ein Basisrauschen, aus dem ab und zu ein lauterer Ton ins Bewusstsein dringt. «drifting worlds» scheint genauso wie das Abbild eines räumlich und zeitlich weit entfernten Schauplatzes ein inneres eigenes Urbild aus kaum wahrgenommenen Bewusstseinsschichten zu sein.

Wir möchten auf subtile und poetische Weise fixierte Bilder in den Köpfen erneut in Bewegung bringen und den Medienbildern, welche identitätsstiftend sind, eigene Bilder gegenüberstellen. (ZM/AH)

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