Michael von Graffenried im Kornhausforum

Michael von Graffenried · Rosanna, Astrid, Peter und die andern 1, 2004, Serigraphie, zweifarbig, 210 x 128 cm

Michael von Graffenried · Rosanna, Astrid, Peter und die andern 1, 2004, Serigraphie, zweifarbig, 210 x 128 cm

Besprechung

Sind es die Bilder oder die Geschichten oder die Geschichten hinter den Bildern, welche die Fotos von Michael von Graffenried zu dem machen, was sie sind? Die Ausstellung «Rosanna, Astrid, Peter und die anderen» - im Kornhausforum Bern, im Landesmuseum Zürich und auf Plakatflächen im öffentlichen Raum - zeigt eine über 18 Monate angelegte Fotodokumentation über den Alltag im Drogenmilieu.

Michael von Graffenried im Kornhausforum

Ikonenhaft sind sie selten, die Fotos von Michael von Graffenried (*1957 in Bern), dafür sind sie viel zu breit angelegt. Breit schon im formalen Sinn, denn er benutzt seit Jahren eine Panoramakamera. Breit jedoch auch zeitlich und inhaltlich. Sein jüngstes Projekt deckt 18 Monate ab, während denen er das kokain- und heroinabhängige Paar Astrid und Peter begleitet hat.

Ihr Alltag wirkt durch die Aufnahmen unheimlich nah und gleichzeitig wie durch einen Schleier entrückt. Ist es das Schwarz-Weiss, das Breitformat oder der häufig etwas dezentrale Fokus, welcher das Geschehen seltsam entfernt wirken lässt? Und dennoch sind die zerstochenen Arme und Beine, die angespannten Gesichter eindringlich und prägen sich nachhaltig ein. Graffenrieds Verdienst ist es, die fragile Distanz zwischen Empathie und Abgrenzung, zwischen Komplizenschaft und kühler Beobachtung zu wahren. Wir werden in das Geschehen hinein gezogen, sehen Bilder von Astrid im Frauengefängnis, ihrer Rückkehr zu ihrem Freund Peter, ihrem Alltag zu zweit und dann wieder ihrem trostlosen Dasein als Obdachlose, nachdem nun Peter inhaftiert worden ist.

Michael von Graffenried ist ein Erzähler. Die Bilder sind nicht bildhaft verdichtet oder ästhetisch komprimiert. Vielmehr sind sie Teil eines Real-life-Fotoromans, einer Geschichte mit offenem Ausgang. In der stakkatoartigen Einleitung zur Begleitpublikation führt Graffenried bruchstückhaft vor Augen, was sich in diesen Monaten abgespielt und was ihn als Beobachter beschäftigt hat: Beispielsweise ob der Freier, der Astrid nach fünf Minuten Strassenstrich in den dunklen Park entführt hat, glaubt, dass er ihr so helfen könne?

Ja, und wem helfen die Fotografien? Astrid und Peter, welche so aus der Anonymität auftauchen und deren erschütternd banale Geschichte ein individuelles Gesicht erhält? Graffenried hofft, dass seine Fotos die beiden wie ein «Elektroschock» aus dem Teufelskreis ihres suchtbestimmten Alltags werfen. Viel eher ist das Umgekehrte der Fall, nämlich dass der Betrachter aus der Teilnahmslosigkeit geschüttelt wird. Nachhaltig wirkt jedenfalls die Tatsache, dass Graffenried für die Fotografierten zu einem Ansprechpartner geworden ist, zu einem Go-between zwischen den Realitäten, die zwar dicht verflochten sind, sich jedoch nur selten berühren.

Dass Michael von Graffenried unerschrocken auf seine Gegenüber zugeht, hat er bereits in seinen früheren langjährigen Fotodokumentationen bewiesen. Seinen Fotos haftet immer ein Hauch Enthüllungsjournalismus an. Dass er darauf nicht reduziert werden kann, macht seine langmütige professionelle Insistenz aus. Ohne persönliche Anteilnahme sind diese mehr-jährigen Recherchen nicht zu schaffen. Das lässt seine Fotos glaubhaft werden, ebenso wie seine Hoffnung auf deren Wirkungsmacht, dass sie Realität spiegeln und auch schaffen.

Bis 
15.01.2005

Begleitpublikationen: «Cocainelove», Benteli Verlag; «Risk», hrsg. Contact Netz Bern. Je 30 Aufnahmen werden in verschiedenen Schweizer Städten auf F12-Plakatflächen der Allgemeinen Plakatgesellschaft zur Jahreswende 2004/2005 zu sehen sein. Kornhausforum, 17.12. bis 16.1.; Musée national du Château de Prangins, 11.2. bis 28.3.; Schweizerisches Landesmuseum und Platzspitz Zürich, Sommer 2005.

Werbung