Sabina Baumann bei Mark Müller

Sabina Baumann · earthboy, 2004, ungebrannter Ton, schwarze Schuhe, 31 x 32 x 30 cm

Sabina Baumann · earthboy, 2004, ungebrannter Ton, schwarze Schuhe, 31 x 32 x 30 cm

Besprechung

Sabina Baumann nimmt in verschiedensten Medien das Thema «Label» aufs Korn. Dabei konfrontiert sie die unterschiedlichsten Materialien miteinander, was irritiert und belustigt. Sie lotet die Fragwürdigkeit dieser Art von Identitätssuche aus. Auf Fragen existenzieller Natur stösst man/frau in anekdotischen, comicartigen, mitunter skurrilen Zeichnungen.

Sabina Baumann bei Mark Müller

Markenartikel bekleiden einzelne Körperteile aus Ton, die auf hohen Sockeln positioniert sind. So sitzen elegante schwarze Männerschuhe an dünnen Schienbeinen, eine Joop-Badehose sitzt an einem fragmentierten Torso, der Ärmel eines Herrenanzugs mit Hemd an einem Unterarm oder ein rosarotes Hemd mit gestreifter blau-grün-weisser Krawatte an einem Kopf. Die ungelenken, locker, luftig gekneteten Körperformen sind weit davon entfernt, Schaufensterpuppen zu evozieren. Vielmehr suggerieren sie mit ihren auffacettierten Formen Fragilität und Zerfall. Man fühlt sich ein wenig an die Katakomben von Palermo erinnert, wo die Skelette von Zeit zu Zeit überaus edel eingekleidet werden.

Soll uns die Bekleidung mit Marken-Klamotten und -Accessoires über unser Scheitern, unsere Bedeutungslosigkeit, ja unsere Vergänglichkeit hinweg trösten? Die Illusion wird erweckt, gewiss, aber Sabina Baumann (*1962 in Zug, lebt in Zürich) versteht es, diese Blase immer wieder platzen zu lassen. Etwa wenn in einer Zeichnung ein Hut auf einer skelett- oder flaschengeistartigen Figur sitzt oder ein hübsch gemustertes T-Shirt an einem Hundeknochen hängt. Das Thema der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins beschäftigt Sabina Baumann immer wieder, so in ihren home-Arbeiten «home 17, home 19, home 21», in denen ein verlassenes Autowrack, aneinander gekettete Einkaufswagen oder menschenleere Orte dem Zerfall anheim gegeben sind.

Die Diskrepanz zwischen unserem aus Labels und Werbebildern gezimmerten Wunsch-Ich und unserem begrenzten Real-Ich sowie die leichte Verfügbarkeit von global erzeugten Kulturprodukten trägt viel zu unserem ständigen Gedankenchaos bei. Dieses erkundet Sabina Baumann herrlich verspielt mit weichem Bleistiftstrich und luftigem Aquarellduktus. So kann das Chaos räumlich präsent sein, wenn es mittels einer Zeichnung zwischen comicartig gezeichneten Kristallen und Tieren beschrieben ist: «Das Zimmer ist nach Feng Shui eingerichtet und die fluoreszierenden Haustiere verbreiten ein sphärisches Licht. Links und rechts vom Computer stehen Kristalle und neutralisieren die Strahlung. T. schaut sich alte Webseiten an.» Meistens macht es sich jedoch in unserer Gedankenwelt breit, sehr schön verbildlicht mit amöbenartigen Wesen, die einen Bildraum bevölkern. Aus einer Ecke brüllt es aus einem Mund einem Stock mit zitternden Glockenblumen zu: «Ihr seid zu wenig politisiert». Schliesslich meldet sich mit «Queen Kong» der alte romantische Traum von einer idealen, harmonischen Beziehung fernab von jeder Zivilisation.

Die Labels versprechen wohl eine Vielfalt von Identitäten, lenken aber von der Essenz unseres Daseins radikal ab. Momente des «In-der-Mitte-Seins» leuchteten in Sabina Baumanns sehr berührender Videoserie «Home, Home 2 und Home 3», 1999-2000, von pensionierten, allein lebenden Frauen auf, die sich über nichts und niemanden mehr definieren, sondern sich lediglich über ihr So-Sein selbst genügen.

Bis 
17.12.2004

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