Michal Rovner im Jeu de Paume

Michal Rovner · Data Zone, Cultures Table, 2003, Video-Installation, Detail, Courtesy PaceWildenstein, New York, © Michal Rovner, ADAGP, Paris 2005/ProLitteris Zürich

Michal Rovner · Data Zone, Cultures Table, 2003, Video-Installation, Detail, Courtesy PaceWildenstein, New York, © Michal Rovner, ADAGP, Paris 2005/ProLitteris Zürich

Besprechung

Zwischenräume, Schrift-Erfahrungen und das Mystische im elektronischen Bild sind Themen der israelischen Foto- und Videokünstlerin Michal Rovner.

Michal Rovner im Jeu de Paume

«Das Chinesische hat die Eigenschaft, das Sein auf das Bezeichnete zu reduzieren (so etwas wie eine mathematische oder algebraische Eigenschaft)» - schreibt Henri Michaux. Michal Rovner scheint ihm auch stilistisch zu folgen. Die 48-jährige Israelin zeigt in Vitrinen aufgeschlagene Bücher mit Reihen von Schriftzeichen: «Chinese Fields», 2005, «Mathematics», 2005, oder «Note Book», 2004. Ein zweiter Blick zeigt: Rovners Kaligrafien bewegen sich. Es sind winzige menschliche Figuren, als Video auf die Seiten projiziert.

In ihrer ersten grossen Ausstellung in Frankreich stellt Rovner Zeichen in den Raum. «Kein geschlossener Raum», wie Jeu de Paume-Direktor Régis Durand betont, «sondern ein offener Raum, der aus der Eigenbewegung der Bilder strömt.» Ihre Videos öffnen das Feld einer Raumerfahrung, die nicht trotz oder gegen die immer schon vorliegenden Beschreibungen der Welt gemacht wird, sondern durch sie hindurch. «Zwischen-Raum» nannte Rovner ihre Retrospektive im New Yorker Whitney-Museum 2002. Die Installation «Data Zone» zeigt in Petri-Schalen «Kulturen», die wie Bakterien oder Chromosomen wimmeln. Es sind Gruppen von Menschen, von oben gefilmt und dann verfremdet wurden. Makro- und Mikrokosmos fliessen ineinander, die Figuren überschreiten durch ihre Körperlichkeit die Grenzen des Signifikativen.

«Ich zeige Konfliktsituationen, Spannungen, Brüche, Verletzlichkeiten», sagt die Künstlerin, die seit 1987 in New York lebt und mit Ausstellungen im MoMA, der Tate Gallery oder dem Stedelijk Museum seit 1997 internationale Aufmerksamkeit erregt. Mit der grossen Video-Installation «Time Left», in der raumfüllend Reihen winziger Menschen über die Wand laufen, war sie auch im israelischen Pavillon der 50. Venedig-Biennale vertreten. Allein, denn Palästina lehnte ihr Angebot ab, sich den Pavillon mit einem ihrer Künstler zu teilen. Jenseits des israelisch-palästinensischen Konflikts will Rovner das Bild zu einem Resonanzkörper von Erfahrungen und Empfindungen machen.

Für die eigens im Rahmen des Pariser Kunst-Herbstes produzierten Ton-Video-Arbeit «Fields of fire» hat sie mit dem Regisseur und Komponisten Heiner Goebbels zusammen gearbeitet. Aus Bildern und Tönen, die sie auf den Ölfeldern von Kasachstan aufgenommen hat, entstand ein fast sakraler Raum fürs Videobild. Der Informationsästhetiker Max Bense hat einen solchen Raum als «nicht nur ein physikalisches und mathematisches, sondern auch ein metaphysisches Phänomen» beschrieben, als «Zusammenhang, der die Dinge umspannt». Wenn es eine mystische Erfahrung des elektronischen Bild-Raumes gibt - Michal Rovner ist ihr auf der Spur. Katalog, f, 400 S., 350 Farb-Abb., 30 Euro.

Bis 
30.12.2005
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Jeu de Paume Frankreich Paris
Künstler/innen
Michal Rovner
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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