5.000.000.000 Jahre im Palais de Tokyo

Marc-Oliver Wahler, Direktor des Palais de Tokyo, Paris, bei der Vorstellung seiner ersten Ausstellung «5 Mrd. Jahre», Foto: texte&tendenzen

Marc-Oliver Wahler, Direktor des Palais de Tokyo, Paris, bei der Vorstellung seiner ersten Ausstellung «5 Mrd. Jahre», Foto: texte&tendenzen

Besprechung

Marc-Olivier Wahlers Jungfern-Ausstellung fragt gross: «Gibt es einen Fixpunkt im Universum?» Als Antwort gibt es ein Kunst-Dramolett, mit dem sich der neue Direktor als Theoretiker, Kurator und auch ein bisschen als Künstler beweist.

5.000.000.000 Jahre im Palais de Tokyo

Was macht das Kunstwerk zu einem solchen? Wie kontaminieren Kunstwerke andere Objekte? Und welche Aufgabe hat der Kurator, wenn alle Grenzen fliessend werden? Drei Kardinalfragen von Marc-Olivier Wahlers erster Ausstellung in Paris. In einer Reihe von Einzelpräsentationen, Konferenzen und Performances geht er der Ausstrahlung von Kunst durch Nutzung ihrer inszenatorischen Qualitäten nach. Ein Drama der Werkwerdung, das erstmals die Räume des Palais de Tokyo bewältigt - Kritiker sagen: überwältigt - hat. Drama? Der griechische Begriff «dran» bedeutet «Handeln als Überwinden eines Widerstandes». Wahler überwindet Wahrnehmungswiderstände. Unter der angesichts eines sich unaufhörlich ausdehnenden Weltalls paradoxalen Leitfrage «Gibt es einen Fixpunkt im Universum?» leitet er den Besucher durch ein Glühbirnen-Portal vorbei an einem anthropomorphen Spaghetti-Haufen, Tropfkerzen-Mopeds, dem Video von einem Lauf durch eine Betonröhre bis zu einer Riesen-Flipper-Bahn. Dass es sich um Werke von Lang/Baumann, «Perfect», 2006, Michel Blazy, «Patman 2», 2005, Mark Handforth, «Honda» und «Vespa», 2000, 2001, Gianni Motti, «HIGGS, à la recherche de l'anti-Motti» im Genfer Teilchenbeschleuniger, 2005, und Vincent Lamouroux, «Scape», 2006, handelt, erfährt man on stage nicht, und so wird Tony Matellis ausgestopfter, im Dunkel tastender Schimpanse, «Gone», 2000, zum Spiegelbild. Erst mit einem Plan in der Hand lässt sich die kuratorische Gesamtinszenierung auf Einzelbeiträge herunterbrechen. Wahler übersetzt seine Auffassung einer Vielzahl von Realitäten in die Multiplikation von Ausstellungen: «Une seconde, une année» widmet sich der vergehenden Zeit, sogenannte «Module» eröffnen neue Räume. Die beste Arbeit: Zilvinas Kempinas durch acht Ventilatoren permanent in Luft gehaltenes Magnetband, «Flying Tape», 2006. Von der stillen Einfachheit, mit der hier - wie auch in Ray Charles' «Rotating Circle», 1988, - die Frage des Raumes sichtbar, erfahrbar gemacht wird, kann sich manch tosend-materialreiche oder komplex-elektronische Arbeit eine Scheibe abschneiden. Doch Wahler mag es auch laut - und trieb mit dem Kettensägen-Skulpturen-Wettbewerb zur Eröffnung die «Kontamination» durch Kunst an ihre Schmerzgrenze. Die Rauhbeine, die sonst ein anderes Publikum
mit in Kiefer geschnitzten Schmetterlingen erfreuen, sahen sich im Kunstkontext ebenso erhöht wie lächerlich gemacht. Ähnlich der Hobby-Raser «Ghost Rider», dessen illegaler Geschwindigkeitsrausch glücklicherweise inzwischen durch einen Film Ulla von Brandenburgs, «Around», 2005, ersetzt wurde. Eine Ausstellung beginne für ihn, so Wahler im Interview (vgl. Kunst-Bulletin 05/06), wenn er sie verlasse, es sei der Denkanstoss, der zählt. Beim Verlassen dieser Show ist man vor allem um Erfahrungen reicher. Wahlers «Programm» ruft zum Handeln auf, nicht zum Denken - dazu, mal wieder ein gutes Buch über Kunstgeschichte, Werkcharakter und die Autonomie des Bildes zu lesen.

Bis 
30.12.2006

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